Ein Zufallsbefund ist eine Veränderung, die bei einer medizinischen Untersuchung entdeckt wird, obwohl die Untersuchung aus einem anderen Grund durchgeführt wurde. Solche Befunde sind in der Radiologie häufig, insbesondere bei CT- und MRI-Untersuchungen, weil dabei grosse Körperregionen sehr detailliert dargestellt werden.
Viele Zufallsbefunde sind harmlos und haben für die Gesundheit keine oder nur geringe Bedeutung. Andere müssen kontrolliert oder genauer untersucht werden. Gelegentlich führt ein Zufallsbefund auch zur frühen Entdeckung einer bislang unbekannten Erkrankung.
Kurz gesagt: Was ist ein Zufallsbefund?
Ein Zufallsbefund ist eine unerwartete Veränderung, die nicht der eigentliche Grund für die Untersuchung war.
Wird beispielsweise ein CT des Brustkorbs wegen einer möglichen Lungenentzündung durchgeführt und dabei fällt zusätzlich ein Knoten in der Schilddrüse auf, handelt es sich bei diesem Schilddrüsenknoten um einen Zufallsbefund.
Die Radiologin oder der Radiologe beurteilt anschliessend, ob dieser Befund wahrscheinlich harmlos ist, kontrolliert werden sollte oder eine weitere Abklärung sinnvoll erscheint. Wie radiologische Untersuchungen grundsätzlich beurteilt und zu einem Befund zusammengeführt werden, erklären wir im Beitrag Radiologie einfach erklärt.
Warum entstehen in der Radiologie so viele Zufallsbefunde?
Moderne bildgebende Verfahren zeigen weit mehr als nur das Organ oder die Struktur, wegen der eine Untersuchung angefordert wurde.
Bei einer CT des Brustkorbs sind beispielsweise nicht nur die Lungen sichtbar. Auch Herz, Gefässe, Knochen, Teile der Schilddrüse und des Oberbauchs liegen im untersuchten Bereich.
Ähnliches gilt für eine CT oder ein MRI des Bauchraums. Neben dem Organ, auf das sich die Fragestellung bezieht, werden zahlreiche weitere Strukturen dargestellt.
Mit der zunehmenden Detailgenauigkeit moderner Bildgebung werden deshalb auch kleine Veränderungen sichtbar, die keine Beschwerden verursachen und ohne die Untersuchung möglicherweise niemals entdeckt worden wären. Welche Strukturen mit CT besonders gut beurteilt werden können, erläutern wir im Beitrag Was sieht man im CT besonders gut – und was nicht?. Die besonderen Stärken des MRI erklären wir unter Was kann man im MRI erkennen – und was nicht?.
Die Fragestellung ist wichtig – aber sie begrenzt die Befundung nicht
Jede radiologische Untersuchung beginnt mit einer medizinischen Fragestellung. Sie erklärt der Radiologin oder dem Radiologen, warum die Untersuchung durchgeführt wird und welche Erkrankung beispielsweise bestätigt oder ausgeschlossen werden soll.
Die Befundung beschränkt sich jedoch nicht ausschliesslich auf diese eine Frage. Radiolog:innen beurteilen grundsätzlich auch die übrigen auf der Untersuchung dargestellten Strukturen, soweit diese mit der jeweiligen Methode zuverlässig beurteilbar sind.
Wer wegen einer möglichen Lungenembolie ein CT des Brustkorbs erhält, wird deshalb nicht ausschliesslich hinsichtlich der Lungenarterien beurteilt. Auch die übrigen dargestellten Organe und Strukturen werden systematisch betrachtet.
Auf diese Weise können Veränderungen entdeckt werden, nach denen ursprünglich überhaupt nicht gesucht wurde.
Was bedeutet „Satisfaction of Search“?
In der Radiologie ist seit vielen Jahrzehnten ein wichtiges Wahrnehmungsphänomen bekannt: Satisfaction of Search. Vereinfacht bedeutet dies, dass nach dem Entdecken einer ersten auffälligen Veränderung eine weitere Auffälligkeit leichter übersehen werden kann.
Ein klassisches Beispiel wäre eine Röntgenaufnahme nach einem Unfall. Wird sofort ein deutlicher Knochenbruch erkannt, könnte eine zweite, weniger auffällige Verletzung leichter übersehen werden.
In der neueren wissenschaftlichen Literatur wird dafür auch der Begriff subsequent search miss (Übersehen eines weiteren Befundes nach dem Entdecken einer ersten Auffälligkeit) verwendet.
Wie versucht die Radiologie, solche Fehler zu vermeiden?
Radiolog:innen lernen, Untersuchungen systematisch zu beurteilen. Dabei werden die dargestellten anatomischen Regionen und Organe nach einem wiederkehrenden Suchmuster betrachtet – unabhängig davon, ob die eigentliche Fragestellung bereits beantwortet wurde.
Bei einer CT des Brustkorbs endet die Befundung beispielsweise nicht automatisch, sobald eine Lungenentzündung gefunden wurde. Auch Lungen, Atemwege, Pleura, Herz, Gefässe, Lymphknoten, Knochen und die übrigen dargestellten Strukturen werden weiter beurteilt.
Für bestimmte Untersuchungen existieren zusätzlich strukturierte Befundungssysteme und Checklisten. Sie helfen dabei, relevante Strukturen konsequent zu berücksichtigen und die Untersuchung vollständig auszuwerten.
Ist jeder Zufallsbefund eine Krankheit?
Nein. Das ist für Patient:innen besonders wichtig.
Moderne CT- und MRI-Untersuchungen zeigen zahlreiche anatomische Varianten und kleine Veränderungen, die keine Krankheit darstellen oder für die Gesundheit keine relevante Bedeutung besitzen.
Typische Beispiele können kleine Leberzysten, einfache Nierenzysten oder bestimmte altersbedingte Veränderungen sein. Je nach Erscheinungsbild und persönlicher Situation benötigen solche Befunde häufig keine weitere Abklärung.
Der Begriff „Befund“ bedeutet deshalb zunächst nur, dass etwas beobachtet und beschrieben wurde. Er bedeutet nicht automatisch, dass eine behandlungsbedürftige Erkrankung vorliegt.
Wann muss ein Zufallsbefund weiter untersucht werden?
Das hängt von der Art der Veränderung, ihrer Grösse und ihrem Erscheinungsbild sowie von Alter, Krankengeschichte und weiteren Risikofaktoren ab.
Für zahlreiche häufige Zufallsbefunde existieren medizinische Empfehlungen, die Radiolog:innen bei dieser Entscheidung unterstützen. Dazu gehören beispielsweise zufällig entdeckte Lungenknoten, Nebennierenveränderungen, Nierenzysten oder bestimmte Veränderungen an Leber und Schilddrüse.
Das Ergebnis kann sehr unterschiedlich ausfallen:
- Der Befund ist eindeutig harmlos und benötigt keine weitere Untersuchung.
- Eine Verlaufskontrolle (erneute Untersuchung nach einem festgelegten Zeitraum) ist sinnvoll.
- Eine andere bildgebende Untersuchung kann die Veränderung genauer charakterisieren.
- Eine ärztliche oder laborchemische Abklärung wird empfohlen.
- In einzelnen Fällen ist eine Gewebeprobe beziehungsweise Biopsie (Entnahme von Gewebe zur mikroskopischen Untersuchung) notwendig.
Das Ziel besteht nicht darin, jeden Zufallsbefund möglichst intensiv abzuklären. Vielmehr soll zwischen Veränderungen unterschieden werden, die keine Konsequenz haben, und solchen, bei denen eine weitere Abklärung medizinisch sinnvoll ist.
Warum kann ein Zufallsbefund auch Nachteile haben?
Mehr Information ist in der Medizin nicht automatisch immer besser. Ein unklarer Zufallsbefund kann weitere Untersuchungen auslösen, obwohl sich später herausstellt, dass die Veränderung harmlos ist.
Damit können zusätzliche Termine, Kosten und bei Untersuchungen mit Röntgenstrahlung auch zusätzliche Strahlenexposition verbunden sein. Vor allem kann ein unklar formulierter Befund Patient:innen verunsichern.
Deshalb gehört zur radiologischen Beurteilung nicht nur das Erkennen eines Zufallsbefundes. Ebenso wichtig ist die Frage, ob dieser Befund überhaupt relevant ist und welche Konsequenz daraus sinnvollerweise folgen sollte.
Ein ähnliches Grundproblem spielt auch bei Früherkennungsuntersuchungen eine Rolle. Warum mehr entdeckte Veränderungen nicht automatisch mehr gesundheitlichen Nutzen bedeuten, erklären wir im Beitrag Screening und Früherkennung.
Kann ein Zufallsbefund auch eine wichtige frühe Diagnose sein?
Ja. Manchmal besitzt ein Zufallsbefund erhebliche medizinische Bedeutung.
Eine Untersuchung kann beispielsweise einen bislang unbekannten Tumor, eine Gefässveränderung oder eine andere behandlungsbedürftige Erkrankung zeigen, bevor diese Beschwerden verursacht.
In solchen Fällen kann die zufällige Entdeckung eine frühere Diagnostik und Behandlung ermöglichen.
Wie bedeutsam ein Zufallsbefund ist, lässt sich deshalb nicht allein aus dem Begriff ableiten. „Zufällig entdeckt“ beschreibt nur, warum der Befund gefunden wurde – nicht, wie wichtig er ist.
Warum sind Voruntersuchungen bei Zufallsbefunden besonders wertvoll?
Frühere Untersuchungen können die Beurteilung eines Zufallsbefundes erheblich erleichtern.
Wird beispielsweise bei einer aktuellen CT eine kleine Veränderung entdeckt, kann zunächst unklar sein, wie sie einzuordnen ist. Ist dieselbe Veränderung jedoch bereits auf einer mehrere Jahre alten Untersuchung in praktisch unveränderter Form vorhanden, kann dies für die medizinische Einordnung sehr hilfreich sein.
Umgekehrt erhält ein Befund mehr Bedeutung, wenn der Vergleich zeigt, dass er neu entstanden oder deutlich gewachsen ist.
Frühere Bilder sind deshalb häufig wertvoller als nur der damalige schriftliche Befund. Sie ermöglichen einen direkten Vergleich von Grösse, Form und Erscheinungsbild.
Warum steht ein Zufallsbefund manchmal im Bericht, obwohl nichts getan werden muss?
Ein radiologischer Bericht dokumentiert die relevanten Beobachtungen einer Untersuchung. Deshalb können darin auch Veränderungen erwähnt werden, die keine Behandlung und keine weitere Kontrolle benötigen.
Für Patient:innen kann das zunächst widersprüchlich wirken: Im Befund steht eine Auffälligkeit, gleichzeitig wird keine weitere Untersuchung empfohlen.
Das ist durchaus möglich. Die Radiologin oder der Radiologe kann eine Veränderung erkennen, dokumentieren und aufgrund ihrer typischen Merkmale gleichzeitig zu dem Ergebnis kommen, dass daraus keine weitere medizinische Konsequenz entsteht.
Was können Patient:innen tun?
Wenn relevante frühere CT-, MRI-, Röntgen- oder Ultraschalluntersuchungen in einer anderen Einrichtung durchgeführt wurden, kann es sinnvoll sein, diese für einen Vergleich zur Verfügung zu stellen.
Wird im radiologischen Befund eine Kontrolle oder weitere Abklärung empfohlen, sollte diese Empfehlung mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt besprochen werden. Dabei können der radiologische Befund, die Krankengeschichte und persönliche Risikofaktoren gemeinsam berücksichtigt werden.
Wenn im Bericht ausdrücklich steht, dass keine weitere Abklärung erforderlich ist, bedeutet dies dagegen nicht, dass der Befund übersehen oder ignoriert wurde. Er wurde möglicherweise gerade deshalb erwähnt, weil er erkannt und als medizinisch unproblematisch eingeordnet wurde.
Häufige Missverständnisse
„Ein Zufallsbefund bedeutet, dass etwas Gefährliches entdeckt wurde.“
Nein. Viele Zufallsbefunde sind harmlos. Der Begriff sagt zunächst nur aus, dass die Veränderung unabhängig von der ursprünglichen Fragestellung entdeckt wurde.
„Wenn etwas zufällig gefunden wurde, hat der Radiologe an der falschen Stelle gesucht.“
Nein. Radiologische Untersuchungen werden systematisch beurteilt. Die medizinische Fragestellung ist besonders wichtig, begrenzt die Befundung aber nicht auf eine einzige Struktur.
„Jeder Zufallsbefund muss kontrolliert werden.“
Nein. Bei eindeutig harmlosen Veränderungen kann eine weitere Untersuchung unnötig sein. Ob eine Kontrolle sinnvoll ist, hängt vom konkreten Befund und vom medizinischen Zusammenhang ab.
„Wenn die eigentliche Ursache gefunden wurde, kann die Befundung beendet werden.“
Nein. Genau hier spielt das Prinzip hinter dem Satisfaction of Search beziehungsweise subsequent search miss eine Rolle. Auch nachdem eine relevante Auffälligkeit entdeckt wurde, wird die Untersuchung systematisch weiter beurteilt.
„Wenn im Bericht etwas Auffälliges steht, muss immer etwas unternommen werden.“
Nein. Ein radiologischer Befund kann eine Veränderung dokumentieren und gleichzeitig zu dem Ergebnis kommen, dass keine weitere medizinische Massnahme notwendig ist.
Fazit
Ein Zufallsbefund ist eine Veränderung, die bei einer radiologischen Untersuchung entdeckt wird, obwohl nach etwas anderem gesucht wurde.
Er kann völlig harmlos sein, eine Verlaufskontrolle erfordern oder gelegentlich auf eine bislang unbekannte behandlungsbedürftige Erkrankung hinweisen.
Radiologische Befundung endet deshalb nicht mit der Beantwortung der ursprünglichen Fragestellung. Die dargestellten Strukturen werden systematisch beurteilt, um auch weitere relevante Veränderungen zu erkennen.
Entscheidend ist anschliessend nicht nur, dass etwas gefunden wurde, sondern welche medizinische Bedeutung der Befund tatsächlich besitzt und ob daraus überhaupt eine weitere Konsequenz entsteht.
Weiterführende Beiträge
- Radiologie einfach erklärt
- Screening und Früherkennung
- Was sieht man im CT besonders gut – und was nicht?
- Was kann man im MRI erkennen – und was nicht?
- MRI einfach erklärt: Funktion, Ablauf und Vorbereitung
Literatur und weiterführende Informationen
- American College of Radiology (ACR): Incidental Findings Committee – Empfehlungen zum Management inzidenteller Befunde. Aktuelle Fassungen.
- Berbaum KS, Franken EA Jr, Dorfman DD et al.: Satisfaction of search in diagnostic radiology. Investigative Radiology. 1990;25:133–140.
- Berbaum KS, Krupinski EA, Schartz KM, Caldwell RT: Satisfaction of Search in Chest Radiography 2015. Academic Radiology. 2015;22:1457–1465.
- Adamo SH, Gereke BJ, Shomstein S, Schmidt J: From “satisfaction of search” to “subsequent search misses”: a review of multiple-target search errors across radiology and cognitive science. Cognitive Research: Principles and Implications. 2021;6:59.


