Warum verzichtet man heute meist auf Bleischürzen beim Röntgen?

Röntgenuntersuchung des Brustkorbs ohne Bleischürze

Eine Bleischürze beim Röntgen gehörte über Jahrzehnte fast selbstverständlich zu vielen radiologischen Untersuchungen. Besonders bekannt sind Bleischürzen, Abdeckungen für die Keimdrüsen und die früher häufig verwendeten Hodenkapseln.

Viele Patient:innen verbinden diese Schutzmittel deshalb bis heute unmittelbar mit einem sorgfältigen Strahlenschutz. Umso überraschender kann es sein, wenn bei einer heutigen Röntgen- oder CT-Untersuchung darauf verzichtet wird.

Der Grund ist nicht weniger Strahlenschutz, sondern ein verändertes wissenschaftliches Verständnis und eine wesentlich bessere Gerätetechnik.

Kurz gesagt: Warum wird heute häufig keine Bleischürze mehr verwendet?

Moderne Röntgen- und CT-Geräte können die Strahlung wesentlich genauer auf die notwendige Körperregion begrenzen und die benötigte Strahlendosis an die Untersuchung anpassen.

Gleichzeitig weiss man heute, dass Schutzmittel auf dem Körper bei vielen Untersuchungen nur sehr wenig zusätzlichen Schutz bieten.

Unter ungünstigen Umständen können sie sogar die Bildgebung beeinträchtigen oder dazu führen, dass ein Gerät die Strahlendosis erhöht. Deshalb werden Patientenschutzmittel heute nur noch gezielt eingesetzt.

Warum hat man Bleischürzen jahrzehntelang verwendet?

Die frühere Verwendung von Bleischürzen war keineswegs ein Fehler. Sie entsprach dem damaligen Stand des Wissens und der damaligen Röntgentechnik.

Röntgengeräte waren früher technisch weniger leistungsfähig als heutige Systeme. Die Strahlung liess sich weniger präzise an die jeweilige Untersuchung anpassen, und die für eine ausreichende Bildqualität erforderlichen Dosen waren teilweise höher.

Besondere Aufmerksamkeit galt den Keimdrüsen – also Hoden und Eierstöcken. Man wollte diese Organe möglichst vor Röntgenstrahlung schützen, weil man befürchtete, dass Strahlung Veränderungen des Erbguts verursachen könnte, die an spätere Generationen weitergegeben werden.

Deshalb wurden beispielsweise bei bestimmten Untersuchungen des Beckens Bleikapseln über den Hoden oder andere Bleiabdeckungen über den vermuteten Positionen der Keimdrüsen angebracht.

Was hat sich inzwischen verändert?

Vor allem zwei Dinge: die Röntgentechnik und unser wissenschaftliches Wissen über Strahlenwirkungen.

Moderne Röntgen- und CT-Systeme benötigen für viele Untersuchungen deutlich weniger Strahlung als ältere Geräte. Gleichzeitig kann die Strahlung wesentlich genauer an die untersuchte Körperregion und die jeweilige Fragestellung angepasst werden.

Auch die Einschätzung möglicher vererbbarer Strahlenwirkungen hat sich verändert. Die früher angenommene Bedeutung niedriger diagnostischer Strahlendosen für vererbbare Erkrankungen beim Menschen wird heute wesentlich geringer eingeschätzt.

Warum schützt eine Bleischürze weniger, als man vermuten könnte?

Blei hält Röntgenstrahlung sehr wirksam zurück. Entscheidend ist jedoch, woher die Strahlung kommt, die ein Organ während einer Untersuchung erreicht.

Befindet sich ein Organ ausserhalb des eigentlichen Untersuchungsbereichs, stammt ein grosser Teil seiner geringen Strahlenexposition nicht aus einem direkten Röntgenstrahl von aussen.

Vielmehr entsteht sogenannte Streustrahlung (Röntgenstrahlung, die im Körper nach Wechselwirkungen ihre ursprüngliche Richtung verändert).

Röntgenstrahlen treffen im untersuchten Körperbereich auf Gewebe. Ein kleiner Teil wird dabei abgelenkt und breitet sich innerhalb des Körpers weiter aus.

Eine auf der Haut liegende Bleischürze kann diese bereits im Körper entstandene Streustrahlung kaum abfangen. Sie befindet sich gewissermassen am falschen Ort, um diese Strahlung wirksam zu reduzieren.

Was schützt heute wirksamer als eine Bleischürze?

Der wichtigste Strahlenschutz findet heute bereits vor und während der Aufnahme statt.

Dazu gehören insbesondere:

  • Die Untersuchung wird nur durchgeführt, wenn sie medizinisch gerechtfertigt ist.
  • Die untersuchte Körperregion wird möglichst genau begrenzt.
  • Die Strahlendosis wird an Untersuchung, Körperregion und Patient:in angepasst.
  • Moderne Geräte steuern die benötigte Strahlung teilweise automatisch.
  • Untersuchungsprotokolle werden auf eine möglichst geringe notwendige Dosis optimiert.
  • Unnötige Wiederholungsaufnahmen sollen vermieden werden.

Diese Massnahmen reduzieren die Strahlenexposition wesentlich wirksamer als eine zusätzliche Bleiabdeckung ausserhalb des eigentlichen Untersuchungsbereichs.

Was bedeutet das ALARA-Prinzip?

Der Grundgedanke des Strahlenschutzes hat sich durch den veränderten Einsatz von Bleischürzen nicht geändert.

In der Radiologie gilt weiterhin das ALARA-Prinzip. Die Abkürzung steht für As Low As Reasonably Achievable.

Gemeint ist: Die für eine medizinisch notwendige Untersuchung verwendete Strahlung soll so niedrig wie vernünftigerweise erreichbar sein. Gleichzeitig muss die Bildqualität ausreichend bleiben, damit die medizinische Frage zuverlässig beantwortet werden kann.

Heute erreicht man dieses Ziel vor allem durch moderne Gerätetechnik sowie eine sorgfältige Planung und Durchführung der Untersuchung – und nicht durch möglichst viele Bleiabdeckungen.

Kann eine Bleischürze sogar Nachteile haben?

Ja. Das ist einer der Gründe, weshalb die Empfehlungen geändert wurden.

Gerät eine Bleiabdeckung versehentlich in den untersuchten Bereich, kann sie wichtige anatomische Strukturen verdecken. Im ungünstigsten Fall muss eine Aufnahme wiederholt werden. Dadurch würde zusätzliche Strahlung entstehen, obwohl die Abdeckung eigentlich Strahlung vermeiden sollte.

Bei modernen Geräten kommt ein weiterer Effekt hinzu: Viele Röntgen- und CT-Systeme passen ihre Strahlungsleistung automatisch an.

Befindet sich stark abschirmendes Material im Messbereich dieser automatischen Dosissteuerung (technische Anpassung der Röntgenleistung an die gemessene Abschwächung), kann das Gerät darauf reagieren und die Strahlungsleistung erhöhen.

Eine falsch positionierte Abschirmung kann deshalb im ungünstigen Fall genau das Gegenteil dessen bewirken, was beabsichtigt war.

Warum werden bei einer CT normalerweise keine Bleiabdeckungen verwendet?

Bei einer CT rotiert die Röntgenröhre während der Untersuchung um den Körper. Die Röntgenstrahlung trifft den untersuchten Bereich deshalb aus vielen verschiedenen Richtungen.

Eine einfache Bleiabdeckung auf nur einer Körperseite kann dieses Prinzip nicht sinnvoll abschirmen.

Zusätzlich kann Material im untersuchten Bereich die automatische Dosissteuerung beeinflussen und Bildstörungen verursachen.

Bei der CT wird die Strahlenexposition deshalb vor allem durch die Wahl des richtigen Untersuchungsbereichs, ein angepasstes CT-Protokoll und moderne automatische Dosismodulation reduziert.

Warum hat man früher besonders die Keimdrüsen geschützt?

Der sogenannte Gonadenschutz (Abschirmung der Keimdrüsen – also Hoden beziehungsweise Eierstöcke – vor Röntgenstrahlung) sollte insbesondere mögliche vererbbare Strahlenwirkungen reduzieren.

Besonders bekannt waren Bleikapseln, die bei bestimmten Röntgenuntersuchungen über den Hoden positioniert wurden.

Die heutige Bewertung dieses Risikos unterscheidet sich von den Annahmen, auf denen die früheren Empfehlungen beruhten. Gleichzeitig sind die Strahlendosen moderner Untersuchungen gesunken.

Deshalb empfehlen zahlreiche internationale Fachgesellschaften, den routinemässigen Gonadenschutz bei diagnostischen Röntgenuntersuchungen nicht mehr grundsätzlich anzuwenden.

Gilt das auch für Kinder?

Auch bei Kindern werden Patientenschutzmittel heute nicht mehr automatisch bei jeder Röntgenuntersuchung eingesetzt.

Kinder reagieren grundsätzlich empfindlicher auf ionisierende Strahlung und haben eine längere verbleibende Lebenszeit, in der sich mögliche Spätfolgen entwickeln könnten.

Gerade deshalb ist eine besonders sorgfältige Dosisoptimierung wichtig.

Der entscheidende Schutz besteht auch bei Kindern in einer klaren medizinischen Indikation, einer möglichst kleinen Untersuchungsregion und speziell angepassten Untersuchungsparametern.

Eine Bleischürze ausserhalb des untersuchten Bereichs bietet dagegen häufig nur wenig zusätzlichen Nutzen.

Was gilt während einer Schwangerschaft?

Eine mögliche oder bestehende Schwangerschaft sollte dem medizinischen Team vor einer Untersuchung mit Röntgenstrahlung mitgeteilt werden, wenn sie für die geplante Untersuchung relevant sein könnte.

Das bedeutet jedoch nicht automatisch, dass eine notwendige Röntgen- oder CT-Untersuchung nicht durchgeführt werden darf.

Entscheidend sind die untersuchte Körperregion, die zu erwartende Strahlendosis und die medizinische Dringlichkeit.

Auch während einer Schwangerschaft ersetzt eine Bleischürze nicht die sorgfältige Planung der Untersuchung. Das radiologische Team entscheidet anhand der konkreten Situation, welches Verfahren und welche Schutzmassnahmen sinnvoll sind.

Warum trägt das Personal trotzdem Bleischürzen?

Dieser scheinbare Widerspruch lässt sich leicht erklären: Für das Personal gelten andere Voraussetzungen.

Eine Patientin oder ein Patient erhält bei einer Untersuchung eine begrenzte medizinisch notwendige Strahlenexposition. Radiologisches Personal arbeitet dagegen möglicherweise über Jahrzehnte wiederholt in der Nähe von Röntgenstrahlung.

Bei bestimmten Untersuchungen – beispielsweise bei Durchleuchtungen oder bildgesteuerten Eingriffen – muss das Personal während der Strahlenanwendung im Raum bleiben.

Dann schützt eine Bleischürze vor Streustrahlung, die vom Patienten in den Raum gelangt.

Auch Begleitpersonen, die während einer Röntgenuntersuchung ausnahmsweise im Raum bleiben müssen, können deshalb weiterhin eine Bleischürze tragen.

Weniger Bleischürzen bedeuten nicht weniger Strahlenschutz

Dieser Punkt ist besonders wichtig: Der Verzicht auf eine Bleischürze bedeutet nicht, dass eine radiologische Abteilung den Strahlenschutz weniger ernst nimmt.

Im Gegenteil. Die Empfehlungen haben sich geändert, weil moderne Technik und wissenschaftliche Erkenntnisse heute besser zeigen, welche Massnahmen tatsächlich wirksam sind und welche kaum zusätzlichen Nutzen bringen.

Strahlenschutz bedeutet deshalb heute weniger sichtbaren Schutz auf dem Körper – dafür wesentlich mehr technischen Strahlenschutz im Hintergrund.

Häufige Missverständnisse

„Ohne Bleischürze bin ich beim Röntgen ungeschützt.“

Nein. Der wichtigste Schutz besteht heute darin, nur die notwendige Körperregion zu untersuchen und dafür die niedrigste für eine zuverlässige Diagnose geeignete Strahlendosis zu verwenden.

„Wenn Bleischürzen heute nicht mehr routinemässig nötig sind, waren sie früher sinnlos.“

Nein. Die damaligen Empfehlungen entsprachen dem damaligen Wissen und der damaligen Technik. Medizinische Empfehlungen verändern sich, wenn neue wissenschaftliche Erkenntnisse und bessere technische Möglichkeiten verfügbar werden.

„Blei schützt vor Röntgenstrahlung – also muss eine Bleischürze immer sinnvoll sein.“

Nein. Entscheidend ist, woher die Strahlung stammt. Bei Organen ausserhalb des Untersuchungsbereichs entsteht die geringe Exposition zu einem wesentlichen Teil als Streustrahlung innerhalb des Körpers. Eine äussere Abdeckung kann diese kaum reduzieren.

„Bei Kindern sollte man sicherheitshalber immer eine Bleischürze verwenden.“

Nein. Auch bei Kindern bringt eine routinemässige Abschirmung häufig kaum zusätzlichen Nutzen. Besonders wichtig sind eine sorgfältige Indikationsstellung und kindgerecht optimierte Untersuchungsparameter.

„Wenn das Personal Bleischürzen trägt, müssten Patient:innen sie ebenfalls tragen.“

Nein. Radiologisches Personal kann über viele Jahre wiederholt beruflich Streustrahlung ausgesetzt sein. Für diese wiederkehrende Exposition gelten andere Schutzmassnahmen als für Patient:innen bei einer einzelnen medizinisch notwendigen Untersuchung.

Fazit

Bleischürzen beim Röntgen, Hodenkapseln und andere Patientenschutzmittel waren jahrzehntelang ein sichtbares Symbol des Strahlenschutzes.

Heute zeigen wissenschaftliche Erkenntnisse und moderne Gerätetechnik, dass sie bei vielen Röntgen- und CT-Untersuchungen nur wenig zusätzlichen Schutz bieten und unter ungünstigen Umständen sogar die Bildgebung oder automatische Dosissteuerung beeinträchtigen können.

Der Strahlenschutz ist deshalb nicht verschwunden – er hat sich verändert.

Die wirksamsten Schutzmassnahmen finden heute überwiegend bei der Planung und technischen Durchführung der Untersuchung statt: durch eine klare medizinische Indikation, die präzise Begrenzung des Untersuchungsbereichs und eine möglichst niedrige, für die diagnostische Aufgabe geeignete Strahlendosis.

Literatur und weiterführende Informationen

  1. Bundesamt für Gesundheit (BAG): Patientenschutzmittel in der Röntgendiagnostik. Abteilung Strahlenschutz, Schweiz.
  2. Schweizerische Gesellschaft für Strahlenbiologie und Medizinische Physik (SGSMP): Report Nr. 21 – Patientenschutzmittel in der medizinischen Röntgendiagnostik.
  3. Eidgenössische Kommission für Strahlenschutz (KSR): Empfehlungen zur Verwendung von Patientenschutzmitteln in der medizinischen Röntgendiagnostik.
  4. American Association of Physicists in Medicine (AAPM): Position Statement on the Use of Patient Gonadal and Fetal Shielding. PS 8-A.
  5. National Council on Radiation Protection and Measurements (NCRP): Statement No. 13 – Recommendations for Ending Routine Gonadal Shielding During Abdominal and Pelvic Radiography. 2021.
  6. National Council on Radiation Protection and Measurements (NCRP): Commentary No. 35 – Patient Shielding in Medical Imaging. 2026.
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