Lung-RADS standardisiert die Beurteilung pulmonaler Auffälligkeiten in der Niedrigdosis-CT beim Lungenkrebsscreening. Die aktuelle Version v2022 berücksichtigt dabei nicht nur Grösse und Dichte eines Rundherdes, sondern auch Wachstum, neu aufgetretene Herde, Atemwegsnoduli und atypische pulmonale Zysten. Aus der jeweiligen Kategorie ergibt sich zugleich eine Empfehlung für das weitere Vorgehen.
Für die radiologische Praxis ist die Abgrenzung besonders wichtig: Das System wurde für das CT-basierte Lungenkrebsscreening entwickelt und ist keine allgemeine Klassifikation pulmonaler Rundherde. Ausserhalb eines Screeningprogramms gelten andere Empfehlungen, beispielsweise die Fleischner-Empfehlungen für inzidentell entdeckte pulmonale Rundherde.
Inhaltsverzeichnis
- Was Lung-RADS standardisiert
- Lung-RADS gehört zum Lungenkrebsscreening
- Lungenkrebs-Früherkennung in Deutschland seit 2026
- Was bei einem Rundherd beurteilt wird
- Lung-RADS-Kategorien im Überblick
- Lung-RADS 0: noch keine abschliessende Einordnung
- Lung-RADS 1 und 2: reguläres Screening fortsetzen
- Lung-RADS 3: Kontrolle nach sechs Monaten
- Lung-RADS 4A, 4B und 4X: weitere Abklärung
- Wachstum verändert die Bewertung
- Atypische pulmonale Zysten
- Atemwegsnoduli
- Entzündliche und infektiöse Veränderungen
- S-Modifier und Nebenbefunde
- Lung-RADS und Fleischner-Empfehlungen nicht verwechseln
- Strukturierte radiologische Befundung
- Grenzen der Klassifikation
- Fazit
- Literatur
Begriffsglossar
Pack-years (PY): Mass für die kumulative Tabakexposition. Ein Pack-year entspricht dem Konsum von einer Packung mit 20 Zigaretten täglich über ein Jahr.
Teilsolider Rundherd: Pulmonaler Rundherd, der sowohl einen Milchglasanteil als auch eine solide Komponente aufweist. Für die Beurteilung im Lungenkrebsscreening ist insbesondere die Grösse und Entwicklung der soliden Komponente relevant.
Juxtapleuraler Rundherd: Pulmonaler Rundherd mit unmittelbarem Bezug zu einer Pleuraoberfläche. Dazu gehören entsprechend lokalisierte perifissurale, costal-pleurale, mediastinale oder diaphragmale Rundherde.
Volumetrie: Dreidimensionale Bestimmung des Volumens eines pulmonalen Rundherdes, meist mithilfe einer semi-automatischen Segmentierung. Sie ermöglicht insbesondere bei Verlaufskontrollen eine quantitative Beurteilung von Grössenänderungen.
Volumenverdopplungszeit (Volume Doubling Time, VDT): Berechneter Zeitraum, in dem sich das Volumen eines Rundherdes bei gleichbleibender Wachstumsrate verdoppelt. Sie dient zur quantitativen Beurteilung des Wachstums im Verlauf.
Atypische pulmonale Zyste: Zystische pulmonale Läsion mit auffälligen Merkmalen wie einer verdickten oder zunehmenden Wand, nodulären Wandanteilen oder Multilokularität. Solche Veränderungen können im Lungenkrebsscreening eine weitere Abklärung erforderlich machen.
S-Modifier: Zusatzkennzeichnung innerhalb von Lung-RADS für einen klinisch signifikanten oder potenziell signifikanten Befund, der nicht unmittelbar mit der Bewertung des Lungenkrebsscreenings zusammenhängt.
Was Lung-RADS standardisiert
Das Lung CT Screening Reporting & Data System (Lung-RADS) des American College of Radiology (ACR) verbindet morphologische CT-Kriterien mit definierten Kategorien und Empfehlungen für das weitere Vorgehen. Dadurch soll die Befundung von Screening-CTs einheitlicher und insbesondere die Beurteilung pulmonaler Rundherde nachvollziehbarer werden.
Die Kategorien reichen von 0 bis 4X. Dabei beantwortet die Klassifikation neben der morphologischen Einordnung eine für das Screening entscheidende Frage: Kann die nächste reguläre Screeninguntersuchung erfolgen oder erfordert der Befund eine frühere Kontrolle beziehungsweise eine weiterführende Abklärung?
Die Kategorie ersetzt jedoch nicht die Beschreibung des Befundes. Lokalisation, Grösse, Dichte, Morphologie und zeitliche Entwicklung einer Auffälligkeit müssen nachvollziehbar dokumentiert sein. Erst auf dieser Grundlage erfolgt die Kategorisierung.
Lung-RADS gehört zum Lungenkrebsscreening
Die Klassifikation wurde speziell für Niedrigdosis-CT-Untersuchungen (Low-Dose-CT, LDCT) im Lungenkrebsscreening entwickelt. Deshalb dürfen ihre Schwellenwerte und Kontrollintervalle nicht unkritisch auf diagnostische Thorax-CTs oder zufällig entdeckte Rundherde übertragen werden.
Welche Personen für ein Screening infrage kommen, legt das System selbst nicht fest. Vielmehr bestimmen nationale Programme und rechtliche Vorgaben die Anspruchsvoraussetzungen. Entsprechend unterscheiden sich Altersgrenzen, Raucheranamnese und organisatorischer Ablauf international.
Lungenkrebs-Früherkennung in Deutschland seit 2026
In Deutschland steht die Lungenkrebs-Früherkennung mittels Niedrigdosis-CT seit April 2026 als Leistung der gesetzlichen Krankenversicherung zur Verfügung. Das Angebot richtet sich an aktive und ehemalige starke Raucherinnen und Raucher im Alter von 50 bis 75 Jahren. Bei erfüllten Voraussetzungen kann die Untersuchung alle zwölf Monate erfolgen.
Zu den Voraussetzungen gehören eine Raucheranamnese von mindestens 25 Jahren und eine kumulative Exposition von mindestens 15 Pack-years. Ein Pack-year entspricht beispielsweise dem Konsum von 20 Zigaretten täglich über ein Jahr. Bei ehemaligen Raucherinnen und Rauchern muss der Rauchstopp weniger als zehn Jahre zurückliegen.
Das deutsche Früherkennungsangebot und Lung-RADS sind jedoch nicht gleichzusetzen. Die Klassifikation stammt vom American College of Radiology. Dagegen beruhen Anspruch, Durchführung und Qualitätssicherung der deutschen Früherkennung auf der Lungenkrebs-Früherkennungs-Verordnung und der Krebsfrüherkennungs-Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses.
Für die radiologische Durchführung gelten konkrete Anforderungen an CT-Technik, Befundarbeitsplatz, Qualifikation und Qualitätssicherung. Zudem kommt eine Software zur computerassistierten Detektion zum Einsatz. Ergibt die Erstbefundung einen kontroll- oder abklärungsbedürftigen Befund, wird eine unabhängige Zweitbefundung veranlasst. Anschliessend beurteilen Erst- und Zweitbefunder die Untersuchung gemeinsam und legen das weitere Vorgehen fest.
Damit hat die standardisierte Beurteilung von Screening-CTs auch im deutschsprachigen Raum erheblich an praktischer Bedeutung gewonnen. Bei der Anwendung internationaler Klassifikationen müssen jedoch die Vorgaben des jeweiligen nationalen Screeningprogramms berücksichtigt werden.
Was bei einem Rundherd beurteilt wird
Vor der Kategorisierung steht die morphologische Analyse. Besonders wichtig ist zunächst die Unterscheidung zwischen soliden, teilsoliden und nicht soliden Rundherden.
Ein solider Rundherd weist durchgehend Weichteildichte auf. Dagegen enthält ein teilsolider Rundherd sowohl Milchglasanteile als auch eine solide Komponente. Bei einem nicht soliden Rundherd, häufig als Milchglasrundherd bezeichnet, bleiben Gefäss- und Bronchialstrukturen innerhalb der Verdichtung erkennbar.
Darüber hinaus sind insbesondere folgende Merkmale relevant:
- mittlerer Durchmesser beziehungsweise Volumen,
- Erstuntersuchung oder Verlaufskontrolle,
- Neuauftreten eines Rundherdes,
- Grössenentwicklung im Verlauf,
- bei teilsoliden Rundherden die Grösse der soliden Komponente,
- Lokalisation und Beziehung zur Pleura,
- zusätzliche morphologische Merkmale, die den Malignitätsverdacht erhöhen.
Der Durchmesser allein führt folglich nicht zur korrekten Kategorie. Dichte, Neuauftreten und zeitliche Entwicklung können bei gleich grossen Rundherden zu unterschiedlichen Einstufungen und damit zu unterschiedlichen Konsequenzen führen.
Lung-RADS-Kategorien im Überblick
Lung-RADS 0 bis 4X anzeigen
| Kategorie | Grundsätzliche Einordnung | Typische Konsequenz nach v2022 |
|---|---|---|
| 0 | Unvollständig beziehungsweise noch nicht abschliessend einzuordnen | Voraufnahmen vergleichen, ergänzende Bildgebung oder kurzfristige LDCT |
| 1 | Negativ | Screening-LDCT nach 12 Monaten |
| 2 | Benigne aufgrund der Morphologie oder eines indolenten Verhaltens | Screening-LDCT nach 12 Monaten |
| 3 | Wahrscheinlich benigne | LDCT nach 6 Monaten |
| 4A | Suspekt | LDCT nach 3 Monaten; abhängig vom Befund gegebenenfalls PET/CT |
| 4B | Suspekt mit weiterem Abklärungsbedarf | Weiterführende Diagnostik abhängig von Befund und klinischer Situation |
| 4X | Kategorie 3 oder 4 mit zusätzlichen malignitätsverdächtigen Merkmalen | Weiterführende Abklärung entsprechend dem erhöhten Verdacht |
Diese Übersicht ersetzt nicht die detaillierte Tabelle der aktuellen ACR-Version. Insbesondere bei Kategorie 4 hängt das weitere Vorgehen nicht nur von der Kategorienummer ab. Vielmehr müssen Morphologie, Grösse, Wachstum und die individuelle klinische Situation gemeinsam berücksichtigt werden.
Lung-RADS 0: noch keine abschliessende Einordnung
Lung-RADS 0 bedeutet nicht, dass die Untersuchung unauffällig ist. Vielmehr fehlen Informationen für eine abschliessende Kategorisierung. Das trifft beispielsweise zu, wenn relevante Voruntersuchungen zunächst beschafft werden müssen oder Teile der Lunge nicht ausreichend beurteilbar sind.
Darüber hinaus erlaubt die Version 2022 diese Kategorie bei Veränderungen, deren Morphologie primär an einen entzündlichen oder infektiösen Prozess denken lässt. In dieser Situation kann eine kurzfristige LDCT nach ein bis drei Monaten sinnvoll sein. Der Verlauf zeigt dann, ob sich die Veränderung zurückbildet, persistiert oder weiter abgeklärt werden muss.
Lung-RADS 1 und 2: reguläres Screening fortsetzen
Lung-RADS 1 umfasst Untersuchungen ohne pulmonale Rundherde sowie Rundherde mit eindeutig benignen Merkmalen. Dazu gehören beispielsweise charakteristische Verkalkungsmuster oder Fett innerhalb eines Rundherdes. Anschliessend wird das reguläre Screening nach zwölf Monaten fortgesetzt.
Unter Lung-RADS 2 fallen Befunde, die aufgrund ihrer Bildmorphologie oder ihres indolenten Verhaltens als benigne eingeordnet werden. Hierzu zählen unter anderem bestimmte kleine solide, teilsolide und nicht solide Rundherde.
Auch typische juxtapleurale Rundherde können dieser Kategorie entsprechen, sofern sie die definierten Kriterien erfüllen. Die aktuelle Version berücksichtigt dabei nicht nur perifissurale, sondern auch entsprechend konfigurierte costal-pleurale, mediastinale und diaphragmale Rundherde.
Lung-RADS 3: Kontrolle nach sechs Monaten
Bei Lung-RADS 3 ist der Befund wahrscheinlich benigne, dennoch reicht das reguläre jährliche Screening zunächst nicht aus. Deshalb empfiehlt die Klassifikation eine LDCT-Kontrolle nach sechs Monaten.
Ein Beispiel ist ein solider Rundherd mit einem mittleren Durchmesser von mindestens 6 und weniger als 8 mm bei der Erstuntersuchung. Ebenso fällt ein neu aufgetretener solider Rundherd von mindestens 4 und weniger als 6 mm in diese Kategorie. Für teilsolide und nicht solide Rundherde gelten eigene Schwellenwerte.
Bei der Kontrolluntersuchung steht die Entwicklung des Rundherdes im Vordergrund. Bleibt ein Befund stabil oder nimmt er an Grösse ab, kann sich daraus eine niedrigere Kategorie ergeben. Zeigt sich dagegen relevantes Wachstum, muss die Einstufung neu geprüft werden.
Lung-RADS 4A, 4B und 4X: weitere Abklärung
Mit Lung-RADS 4 steigt der diagnostische Handlungsbedarf deutlich. Allerdings unterscheiden sich die Unterkategorien hinsichtlich Befundkonstellation und weiterem Vorgehen. Für die Praxis sind deshalb die konkreten Konsequenzen wichtiger als eine alleinige Beschreibung unterschiedlich hoher Malignitätswahrscheinlichkeiten.
Lung-RADS 4A
Zu Lung-RADS 4A gehören beispielsweise solide Rundherde von mindestens 8 und weniger als 15 mm bei der Erstuntersuchung sowie bestimmte neue oder wachsende solide Rundherde. Bei teilsoliden Rundherden kann vor allem die Grösse oder Entwicklung der soliden Komponente zur Einstufung als 4A führen.
In der Regel folgt eine LDCT nach drei Monaten. Bei soliden Rundherden beziehungsweise soliden Komponenten ab einer bestimmten Grösse kann zusätzlich eine PET/CT erwogen werden. Die Entscheidung hängt dabei von der konkreten Befundkonstellation ab.
Lung-RADS 4B
Lung-RADS 4B umfasst Befunde, die eine weiterführende diagnostische Abklärung erfordern. Dazu zählen beispielsweise grössere solide Rundherde sowie bestimmte neue oder wachsende Läsionen.
Je nach Situation kommen eine diagnostische Thorax-CT mit oder ohne Kontrastmittel, PET/CT und/oder Gewebegewinnung infrage. Die Entscheidung sollte jedoch nicht schematisch allein aus dem Durchmesser des Rundherdes entstehen. Morphologie, zeitliche Entwicklung, klinische Situation, Begleiterkrankungen und die Konsequenzen eines invasiven Eingriffs beeinflussen das weitere Vorgehen.
Lung-RADS 4X
Lung-RADS 4X ist keine zusätzliche Grössenkategorie. Sie kennzeichnet vielmehr einen Befund der Kategorien 3 oder 4, bei dem weitere bildgebende Merkmale den Verdacht auf ein Lungenkarzinom erhöhen.
Gerade diese Kategorie verdeutlicht, dass sich die Malignitätswahrscheinlichkeit eines pulmonalen Rundherdes nicht allein aus seinem Durchmesser ableiten lässt. Deshalb bleibt die morphologische Gesamtbeurteilung unverzichtbar.
Wachstum verändert die Bewertung
Der Vergleich mit Voruntersuchungen gehört zu den wichtigsten Schritten bei der Beurteilung pulmonaler Rundherde. Dabei sollte nicht nur die unmittelbar vorausgegangene Untersuchung, sondern nach Möglichkeit die gesamte verfügbare Untersuchungsserie berücksichtigt werden.
Für die Grössenbestimmung verwendet Lung-RADS v2022 den mittleren Durchmesser aus Längs- und Kurzachse. Die Messung ist nicht auf die Axialebene beschränkt, sondern soll in der Ebene erfolgen, in der sich die tatsächliche Grösse des Rundherdes am zuverlässigsten erfassen lässt. Wachstum ist als Zunahme des mittleren Durchmessers um mehr als 1,5 mm innerhalb von zwölf Monaten definiert.
Eine Volumetrie ist nach der ACR-Klassifikation möglich, aber nicht zwingend vorgeschrieben. Europäische Empfehlungen für das CT-Lungenkrebsscreening bevorzugen dagegen bei geeigneten Rundherden die semi-automatische Volumetrie. Sie ermöglicht im Verlauf die quantitative Beurteilung der Volumenänderung und die Berechnung der Volumenverdopplungszeit (Volume Doubling Time, VDT). Voraussetzung ist eine zuverlässige Segmentierung; gelingt diese nicht, bleibt die Durchmessermessung eine wichtige Alternative.
Besondere Aufmerksamkeit verdienen langsam wachsende solide oder teilsolide Rundherde. Ein Herd kann über mehrere Screeningrunden kontinuierlich zunehmen, obwohl er innerhalb eines einzelnen Zwölfmonatsintervalls die formale Wachstumsschwelle nicht überschreitet. Eine solche Entwicklung darf deshalb nicht mit echter Stabilität gleichgesetzt werden.
Die Version 2022 berücksichtigt diesen Verlauf ausdrücklich. Zeigt ein solider oder teilsolider Rundherd über mehrere Untersuchungen ein langsames kontinuierliches Wachstum, kann die Einstufung als Lung-RADS 4B erforderlich sein. Gerade in solchen Fällen ist die Betrachtung der gesamten Untersuchungsserie besonders wichtig.
Atypische pulmonale Zysten
Eine wichtige Erweiterung der Version 2022 betrifft atypische pulmonale Zysten. Lungenkarzinome können sich in Verbindung mit zystischen Lufträumen entwickeln und entsprechen dann nicht dem klassischen Bild eines soliden pulmonalen Rundherdes.
Bei der CT-Beurteilung sind insbesondere Wanddicke, fokale oder diffuse Wandverdickungen, noduläre Wandanteile, Multilokularität und Veränderungen im Verlauf relevant. Eine dickwandige Zyste ist durch eine Wanddicke von mindestens 2 mm definiert.
Abhängig von Morphologie und Verlauf können atypische pulmonale Zysten den Kategorien 3, 4A oder 4B entsprechen. Beispielsweise erhöhen eine zunehmende Wanddicke, neu auftretende noduläre Anteile oder eine zunehmende Multilokularität den Abklärungsbedarf.
Eine einfache dünnwandige unilokuläre Zyste erhält dagegen nicht allein aufgrund ihres Vorliegens eine Kategorie. Überwiegt bei einer kavitären Läsion der Weichteilanteil gegenüber dem zystischen beziehungsweise kavitären Anteil, gelten die Kriterien für pulmonale Rundherde.
Atemwegsnoduli
Auch endobronchiale beziehungsweise Atemwegsnoduli werden differenziert beurteilt. Dabei spielen vor allem Lokalisation, Morphologie und Verlauf eine Rolle.
Bestimmte subsegmentale Atemwegsnoduli können Kategorie 2 entsprechen. Liegt die Veränderung dagegen in einem segmentalen oder weiter proximal gelegenen Bronchus, muss sie differenzierter beurteilt werden. Insbesondere Persistenz oder Wachstum können eine weiterführende diagnostische Abklärung notwendig machen.
Allerdings kann Sekret einen endobronchialen Rundherd imitieren. Morphologie und Verlauf helfen bei der Einordnung. Umgekehrt sollte eine persistierende fokale endobronchiale Raumforderung nicht ohne ausreichende Grundlage als Sekret interpretiert werden.
Entzündliche und infektiöse Veränderungen
Screening-CTs zeigen nicht selten Veränderungen, deren Morphologie eher an einen entzündlichen oder infektiösen Prozess denken lässt als an ein primäres Lungenkarzinom. Dazu können beispielsweise multifokale Konsolidierungen oder zahlreiche neu aufgetretene Rundherde gehören.
In solchen Situationen erlaubt die aktuelle Klassifikation die Einstufung als Kategorie 0 mit kurzfristiger LDCT nach ein bis drei Monaten. Dadurch wird die zeitliche Entwicklung selbst zu einem wichtigen Bestandteil der weiteren Beurteilung.
Dennoch sollte die CT zunächst die sichtbare Morphologie beschreiben. Ein infektiöser Ursprung lässt sich aus dem Bildmuster allein häufig nicht sicher ableiten. Deshalb müssen klinische Angaben, Laborwerte und gegebenenfalls mikrobiologische Ergebnisse in die ätiologische Einordnung einfliessen.
S-Modifier und Nebenbefunde
Eine Screening-CT erfasst neben der Lunge zahlreiche weitere Strukturen. So können beispielsweise koronare oder aortale Verkalkungen, ein Emphysem, interstitielle Lungenveränderungen, Pleuraerkrankungen sowie mediastinale oder extrathorakale Auffälligkeiten sichtbar werden.
Der S-Modifier kann zusätzlich zu einer Kategorie von 0 bis 4 verwendet werden, wenn ein klinisch signifikanter oder potenziell signifikanter Befund vorliegt, der nicht unmittelbar mit dem Lungenkrebs-Screeningbefund zusammenhängt.
Der Modifier ersetzt jedoch weder die Beschreibung des Nebenbefundes noch eine konkrete Empfehlung. Das weitere Vorgehen richtet sich nach Art und klinischer Bedeutung der jeweiligen Auffälligkeit.
Lung-RADS und Fleischner-Empfehlungen nicht verwechseln
Lung-RADS und die Fleischner-Empfehlungen gelten für unterschiedliche Situationen: Lung-RADS wird für die Beurteilung pulmonaler Rundherde im Rahmen des Lungenkrebsscreenings verwendet. Werden pulmonale Rundherde dagegen zufällig bei einer CT ausserhalb eines Screeningprogramms entdeckt, erfolgt die Beurteilung nicht nach Lung-RADS; hier können unter Berücksichtigung ihrer Ein- und Ausschlusskriterien die Fleischner-Empfehlungen herangezogen werden.
Strukturierte radiologische Befundung
Ein nachvollziehbarer Befund sollte die für die Kategorisierung relevanten Informationen klar zusammenführen. Bei einem relevanten pulmonalen Rundherd gehören insbesondere folgende Angaben dazu:
- Lokalisation,
- Dichte beziehungsweise Herdtyp,
- mittlerer Durchmesser und gegebenenfalls Volumen,
- bei teilsoliden Rundherden die Grösse der soliden Komponente,
- Vergleich mit relevanten Voruntersuchungen,
- Wachstum, Stabilität oder Grössenabnahme,
- weitere relevante morphologische Merkmale,
- Lung-RADS-Kategorie,
- Empfehlung für das weitere Vorgehen.
Gerade im Screening ist eine konsistente Dokumentation wichtig, weil sich die Einordnung häufig aus dem Verlauf ergibt. Bei späteren Untersuchungen sollte deshalb eindeutig nachvollziehbar sein, welcher Rundherd zuvor gemessen wurde und wie sich Grösse und Morphologie entwickelt haben.
Die abschliessende Kategorie steht somit nicht isoliert am Ende des Befundes. Vielmehr sollte sie sich logisch aus der vorausgehenden Beschreibung und dem Vergleich mit den Voruntersuchungen ergeben.
Grenzen der Klassifikation
Die Klassifikation ermöglicht ein standardisiertes Vorgehen, ersetzt aber nicht die radiologische Beurteilung. Die definierten Grössengrenzen dienen vor allem dazu, das weitere Vorgehen festzulegen. Sie stellen jedoch keine biologischen Grenzen zwischen benignen und malignen Läsionen dar. Auch ein sehr kleiner Rundherd kann ein frühes Lungenkarzinom darstellen, während ein deutlich grösserer Rundherd benigne sein kann. Deshalb müssen neben der Grösse immer auch Morphologie und Entwicklung im Verlauf berücksichtigt werden.
Ausserdem beeinflussen technische Faktoren die Messung. Schichtdicke, Rekonstruktionsparameter, Atemlage und Messmethode können insbesondere bei kleinen Rundherden scheinbare Grössenunterschiede verursachen. Eine vermeintliche Veränderung muss deshalb immer anhand der Bilddaten überprüft werden.
Schliesslich lassen sich nicht alle verdächtigen Veränderungen angemessen durch eine reine Grössenkategorie erfassen. Kategorie 4X sowie die speziellen Kriterien für atypische pulmonale Zysten und langsam wachsende Rundherde tragen diesem Problem Rechnung.
Fazit
Lung-RADS v2022 verbindet die morphologische Beurteilung pulmonaler Auffälligkeiten im Lungenkrebsscreening mit Empfehlungen für das weitere Vorgehen. Dabei entscheiden nicht nur Herdgrösse und Dichte über die Kategorie. Ebenso wichtig sind Neuauftreten, Wachstum, die solide Komponente eines teilsoliden Rundherdes und zusätzliche morphologische Merkmale.
Mit der Einführung der Lungenkrebs-Früherkennung mittels Niedrigdosis-CT in Deutschland im April 2026 hat die standardisierte Beurteilung von Screening-CTs zusätzlich an Bedeutung gewonnen. Dabei müssen nationale Vorgaben und internationale Klassifikationssysteme voneinander unterschieden werden. Ebenso wenig sollte die Klassifikation auf inzidentell entdeckte Rundherde ausserhalb eines Screeningprogramms übertragen werden.
Literatur
- American College of Radiology. Lung CT Screening Reporting & Data System (Lung-RADS), Version 2022. Release November 2022.
- American College of Radiology. Lung-RADS v2022: Summary of Changes and Updates. November 2022.
- Christensen J, Prosper AE, Wu CC, et al. ACR Lung-RADS v2022: Assessment Categories and Management Recommendations. J Am Coll Radiol. 2024;21:473–488.
- Gemeinsamer Bundesausschuss. Krebsfrüherkennungs-Richtlinie: Einführung der Lungenkrebsfrüherkennung mittels Niedrigdosis-Computertomographie bei Rauchern. Beschluss vom 18. Juni 2025.
- Gemeinsamer Bundesausschuss. Versicherteninformation zur Lungenkrebsfrüherkennung mittels Niedrigdosis-Computertomografie bei Rauchern. Beschluss vom 18. Dezember 2025.
- Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz. Verordnung über die Zulässigkeit der Anwendung der Niedrigdosis-Computertomographie zur Früherkennung von Lungenkrebs bei rauchenden Personen (Lungenkrebs-Früherkennungs-Verordnung – LuKrFrühErkV). 2024.
- European Society of Thoracic Imaging. European recommendations for the management of pulmonary nodules detected in lung cancer screening. Eur Radiol. 2025.
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- National Lung Screening Trial Research Team. Reduced Lung-Cancer Mortality with Low-Dose Computed Tomographic Screening. N Engl J Med. 2011;365:395–409.
- MacMahon H, Naidich DP, Goo JM, et al. Guidelines for Management of Incidental Pulmonary Nodules Detected on CT Images: From the Fleischner Society 2017. Radiology. 2017;284:228–243.


