Knochenbruch im Röntgen: Was sieht man – und was nicht?

Radiologie und Unfallchirurgie besprechen gemeinsam Röntgenbilder eines Knochenbruchs

Ein Knochenbruch im Röntgen lässt sich häufig sehr gut erkennen. Doch nicht jede Fraktur (Knochenbruch) ist unmittelbar nach einer Verletzung auf einer Röntgenaufnahme sichtbar. Feine Bruchlinien können verborgen bleiben, Knochen können sich überlagern und manche Verletzungen werden erst mit CT oder MRI eindeutig erkennbar. Ein unauffälliges Röntgenbild bedeutet deshalb nicht in jeder Situation, dass sicher kein Knochenbruch vorliegt.

Was sucht man bei Verdacht auf einen Knochenbruch?

Bei vielen Verletzungen ist die Röntgenuntersuchung die erste bildgebende Untersuchung. Sie kann nicht nur zeigen, ob ein Knochen gebrochen ist. Für die weitere Behandlung sind zusätzliche Informationen wichtig.

Radiologinnen und Radiologen beurteilen unter anderem:

  • wo sich die Fraktur befindet,
  • wie die Bruchlinie verläuft,
  • ob die Knochenfragmente (durch den Bruch entstandene Knochenstücke) gegeneinander verschoben sind,
  • ob eine Fehlstellung oder Verkippung besteht,
  • ob sich der Knochen verkürzt hat,
  • ob mehrere Knochenfragmente entstanden sind und
  • ob eine Gelenkfläche beteiligt ist.

Diese Informationen können wesentlich dafür sein, ob eine Verletzung beispielsweise ruhiggestellt werden kann oder eine weiterführende Behandlung erforderlich ist.

Wie sieht ein Knochenbruch im Röntgen aus?

Das Erscheinungsbild einer Fraktur kann sehr unterschiedlich sein. Häufig erkennt man eine Frakturlinie (Bruchlinie im Knochen), die den normalen Verlauf der Knochenstruktur unterbricht.

Manchmal ist jedoch nicht die eigentliche Bruchlinie das auffälligste Zeichen. Die Kortikalis (harte äussere Knochenschicht) kann unterbrochen oder stufenförmig verändert sein. Bei verschobenen Frakturen stehen die Knochenfragmente ausserdem nicht mehr in ihrer normalen Position.

Eine Fraktur kann quer, schräg oder längs durch den Knochen verlaufen. Bei anderen Verletzungen entstehen mehrere Fragmente. Radiologinnen und Radiologen beschreiben deshalb nicht nur, dass ein Knochen gebrochen ist, sondern möglichst genau, wie die Fraktur aussieht.

Warum werden meistens mindestens zwei Röntgenaufnahmen gemacht?

Ein Röntgenbild ist eine zweidimensionale Projektion eines dreidimensionalen Körperteils. Deshalb können sich Knochen und andere Strukturen überlagern.

Bei vielen Verletzungen werden aus diesem Grund mindestens zwei Projektionen (Aufnahmen aus unterschiedlichen Richtungen) angefertigt. Eine Frakturlinie kann beispielsweise in einer Projektion kaum erkennbar sein und auf einer zweiten Aufnahme deutlich hervortreten.

Ausserdem lässt sich die Stellung der Knochenfragmente durch unterschiedliche Blickrichtungen besser beurteilen. Je nach Körperregion und Fragestellung können zusätzliche Spezialaufnahmen notwendig sein.

Welche Knochenbrüche sind im Röntgen besonders gut sichtbar?

Deutlich verschobene Frakturen lassen sich meistens gut erkennen. Das gilt insbesondere, wenn die normale Knochenkontur unterbrochen ist oder die Fragmente gegeneinander verschoben, verkippt oder verdreht sind.

Auch viele Frakturen der langen Knochen an Armen und Beinen sind auf korrekt angefertigten Röntgenaufnahmen gut sichtbar.

Schwieriger wird die Beurteilung dagegen, wenn die Fraktur sehr fein ist, keine Verschiebung besteht oder die verletzte Region anatomisch komplex aufgebaut ist.

Kann ein Knochen gebrochen sein, obwohl das Röntgenbild normal aussieht?

Ja. Das ist eine wichtige Grenze der Röntgendiagnostik.

Eine Fraktur, die auf einer normalen Röntgenaufnahme zunächst nicht erkennbar ist, wird als okkulte Fraktur (verborgener Knochenbruch) bezeichnet.

Gründe dafür können sein:

  • Die Frakturlinie ist sehr fein.
  • Die Knochenfragmente sind nicht gegeneinander verschoben.
  • Die Frakturlinie verläuft ungünstig zur Röntgenrichtung.
  • Andere Knochenstrukturen überlagern die Verletzung.
  • Die betroffene Körperregion besitzt eine komplexe Anatomie.
  • Die Veränderungen im Knochen sind zu Beginn der Verletzung im Röntgen noch nicht ausreichend ausgeprägt.

Deshalb werden Röntgenbilder nicht losgelöst von den Beschwerden, dem Unfallhergang und der körperlichen Untersuchung beurteilt.

Welche Frakturen können im Röntgen besonders leicht verborgen bleiben?

Ein bekanntes Beispiel ist die Skaphoidfraktur (Bruch des Kahnbeins an der Handwurzel). Das Skaphoid liegt in einer anatomisch komplexen Region. Deshalb kann eine feine Fraktur auf konventionellen Röntgenaufnahmen verborgen bleiben.

Auch bestimmte Frakturen des hüftnahen Oberschenkelknochens können trotz erheblicher Beschwerden auf den ersten Röntgenbildern nicht eindeutig erkennbar sein.

Weitere Beispiele sind bestimmte Frakturen im Bereich des Fusses oder des Tibiaplateaus (obere Gelenkfläche des Schienbeins am Knie).

Welche weiterführende Untersuchung sinnvoll ist, unterscheidet sich jedoch von Körperregion zu Körperregion. Es gibt deshalb keine einheitliche Regel, nach der jede vermutete Fraktur mit negativem Röntgenbild gleich weiter untersucht wird.

Was passiert, wenn das Röntgen normal ist, aber weiterhin ein Knochenbruch vermutet wird?

Ein normales Röntgenbild beendet die Diagnostik nicht automatisch, wenn Beschwerden, Unfallmechanismus (Art und Ablauf der Verletzung) und körperliche Untersuchung weiterhin für eine Fraktur sprechen.

Je nach vermuteter Verletzung können unterschiedliche Möglichkeiten sinnvoll sein:

  • zusätzliche Röntgenprojektionen,
  • eine spätere Röntgenkontrolle,
  • eine CT (Computertomografie) oder
  • eine MRI (Magnetresonanztomografie).

Welche dieser Möglichkeiten gewählt wird, hängt unter anderem vom betroffenen Knochen, der vermuteten Verletzung und der Frage ab, welche Information für die Behandlung benötigt wird.

Warum wird manchmal nach einigen Tagen erneut geröntgt?

Bestimmte Frakturen können auf einer späteren Röntgenaufnahme deutlicher sichtbar werden. Im Bereich der Fraktur verändern sich während der folgenden Tage die Knochenstrukturen. Dadurch kann sich eine zuvor kaum erkennbare Bruchlinie besser abgrenzen.

Im weiteren Verlauf beginnt ausserdem die Knochenheilung. Dabei kann Kallus (neu gebildetes Knochengewebe im Bereich einer heilenden Fraktur) entstehen.

Eine spätere Kontrollaufnahme ist jedoch nicht für jede vermutete Fraktur die beste Strategie. Wenn eine rasche Diagnose wichtig ist, können je nach Körperregion CT oder MRI sinnvoller sein.

Warum ist die Skaphoidfraktur ein besonderes Beispiel?

Beim Verdacht auf eine Skaphoidfraktur ist eine zuverlässige Diagnose besonders wichtig, weil eine übersehene Fraktur zu Heilungsstörungen und späteren Gelenkproblemen führen kann.

Nach einem unauffälligen ersten Röntgenbild wird deshalb nicht grundsätzlich einfach abgewartet. Je nach klinischer Situation und den geltenden Empfehlungen kann frühzeitig eine MRI eingesetzt werden.

Dieses Beispiel zeigt besonders gut, warum die weitere Diagnostik nach einem negativen Röntgenbild von der vermuteten Fraktur abhängt.

Wann ist eine CT nach einem Knochenbruch sinnvoll?

Die CT (Computertomografie, Röntgenverfahren zur Erstellung von Schnittbildern) stellt die Knochenstruktur sehr detailliert und weitgehend ohne die typischen Überlagerungen einer normalen Röntgenaufnahme dar.

Sie kann besonders hilfreich sein bei:

  • komplexen Frakturen,
  • Frakturen in anatomisch schwer einsehbaren Regionen,
  • Frakturen mit Beteiligung einer Gelenkfläche,
  • kleinen oder schwer erkennbaren Knochenfragmenten,
  • bestimmten im Röntgen nicht eindeutig sichtbaren Frakturen und
  • der Planung einer Operation.

Die CT beantwortet damit vor allem die Frage nach der genauen knöchernen Anatomie einer Verletzung.

Wann ist eine MRI besser als das Röntgen?

Die MRI (Magnetresonanztomografie, Bildgebung mit starken Magnetfeldern und Hochfrequenzimpulsen) kann Veränderungen erkennen, die auf einer Röntgenaufnahme noch nicht sichtbar sind.

Besonders wichtig ist das Knochenmarködem (vermehrte Flüssigkeit als Reaktion des Knochenmarks auf eine Verletzung). Es kann nach einer Knochenverletzung entstehen und ist im normalen Röntgenbild nicht sichtbar.

Dadurch kann die MRI eine okkulte Fraktur nachweisen, obwohl die ersten Röntgenaufnahmen unauffällig waren.

Zusätzlich stellt die MRI viele Weichteile wie Bänder, Sehnen, Knorpel und Muskeln wesentlich besser dar. Das kann wichtig sein, wenn neben einer möglichen Fraktur weitere Verletzungen vermutet werden.

Was ist bei Kindern anders?

Kinderknochen befinden sich noch im Wachstum und unterscheiden sich deshalb von den Knochen Erwachsener.

Besonders wichtig sind die Wachstumsfugen (Bereiche des Knochens, an denen das Längenwachstum stattfindet). Sie können auf einem Röntgenbild wie Spalten aussehen und dürfen nicht mit Frakturen verwechselt werden.

Umgekehrt können Verletzungen der Wachstumsfuge radiologisch sehr unauffällig sein.

Kinderknochen sind ausserdem elastischer. Deshalb können besondere Frakturformen auftreten, beispielsweise eine Grünholzfraktur (unvollständiger Knochenbruch, bei dem eine Seite des Knochens bricht und die andere sich verbiegt).

Die Beurteilung kindlicher Röntgenaufnahmen muss deshalb das Alter und die jeweilige Entwicklungsstufe des Skeletts berücksichtigen.

Bedeutet ein Knochenbruch im Röntgen automatisch eine Operation?

Nein. Viele Frakturen können ohne Operation behandelt werden.

Für die Therapieentscheidung sind unter anderem wichtig:

  • welcher Knochen betroffen ist,
  • wo die Fraktur liegt,
  • wie stark die Fragmente verschoben sind,
  • ob die Fraktur stabil ist,
  • ob eine Gelenkfläche beteiligt ist,
  • ob Gefässe, Nerven oder Weichteile betroffen sind sowie
  • Alter, Beschwerden und individuelle Situation der Patientin oder des Patienten.

Das Röntgenbild liefert somit wichtige Informationen für die Therapieentscheidung. Es entscheidet jedoch nicht allein darüber, ob eine Operation notwendig ist.

Was sieht man während der Knochenheilung im Röntgen?

Röntgenaufnahmen werden nicht nur zur Diagnose eines Knochenbruchs eingesetzt. Sie können auch den Heilungsverlauf dokumentieren.

Dabei wird unter anderem beurteilt, ob die Knochenfragmente weiterhin in einer geeigneten Stellung stehen und ob sich zunehmend neues Knochengewebe bildet.

Im Verlauf kann Kallus entstehen und die Fraktur zunehmend knöchern überbrückt werden. Die sichtbaren Veränderungen hängen jedoch von der Art der Fraktur, der Behandlung und der Dauer seit der Verletzung ab.

Die Entscheidung, wann ein Knochen wieder vollständig belastet werden darf, richtet sich deshalb nicht allein danach, wie das Röntgenbild aussieht. Klinischer Verlauf und orthopädisch-unfallchirurgische Beurteilung gehören ebenfalls dazu.

Was zeigt das Röntgen bei einem Knochenbruch – und was nicht?

Fragestellung Aussage des Röntgenbildes
Deutlich verschobene Fraktur meist sehr gut erkennbar
Feine, nicht verschobene Fraktur kann verborgen bleiben
Lage der Fraktur meist gut beurteilbar
Stellung der Knochenfragmente meist gut beurteilbar
Beteiligung einer Gelenkfläche häufig erkennbar, CT kann genauer sein
Komplexe Frakturanatomie CT häufig detaillierter
Okkulte Fraktur kann im Röntgen unsichtbar sein
Knochenmarködem nicht sichtbar, MRI wesentlich geeigneter
Bänder und Sehnen meist nicht ausreichend beurteilbar
Frakturheilung Stellung und knöcherne Heilungszeichen gut kontrollierbar

Knochenbruch im Röntgen: Das Wichtigste auf einen Blick

  • Viele Knochenbrüche lassen sich auf Röntgenaufnahmen sehr gut erkennen.
  • Radiologinnen und Radiologen beurteilen neben der Frakturlinie auch Lage, Stellung und Gelenkbeteiligung.
  • Mehrere Projektionen sind wichtig, weil eine Fraktur in einer Aufnahmerichtung verborgen bleiben kann.
  • Ein unauffälliges Röntgenbild schliesst einen Knochenbruch nicht immer aus.
  • Feine und nicht verschobene Frakturen können radiografisch okkult sein.
  • Bei anhaltendem Frakturverdacht richtet sich die weitere Bildgebung nach der betroffenen Körperregion und der klinischen Situation.
  • CT zeigt die knöcherne Anatomie besonders detailliert.
  • MRI kann Knochenmarkveränderungen und bestimmte im Röntgen nicht sichtbare Frakturen erkennen.
  • Bei Kindern müssen Wachstumsfugen und besondere kindliche Frakturformen berücksichtigt werden.
  • Ein im Röntgen sichtbarer Knochenbruch bedeutet nicht automatisch, dass operiert werden muss.

Fazit

Ein Knochenbruch im Röntgen kann von einer feinen Frakturlinie bis zu einer deutlich verschobenen Verletzung sehr unterschiedlich aussehen. Die klassische Radiografie (Anfertigung einzelner Röntgenaufnahmen) ist deshalb bei vielen Verletzungen weiterhin die wichtigste erste bildgebende Untersuchung.

Ihre Grenzen sind jedoch ebenso wichtig: Eine unauffällige Röntgenaufnahme kann eine Fraktur nicht in jeder Situation sicher ausschliessen. Besteht aufgrund der Beschwerden und der klinischen Untersuchung weiterhin ein begründeter Verdacht, muss entschieden werden, ob zusätzliche Röntgenaufnahmen, eine Verlaufskontrolle, CT oder MRI die medizinische Frage am besten beantworten.

Entscheidend ist deshalb nicht nur die Frage „Sieht man einen Bruch?“, sondern auch, ob die gewählte Bildgebung die vermutete Verletzung zuverlässig darstellen und die für die Behandlung notwendigen Informationen liefern kann.

Quellen und weiterführende Informationen

  • American College of Radiology (ACR): Appropriateness Criteria – Acute Hand and Wrist Trauma.
  • American College of Radiology (ACR): Appropriateness Criteria – Acute Trauma to the Foot.
  • American College of Radiology (ACR): Appropriateness Criteria – Acute Hip Pain.
  • National Institute for Health and Care Excellence (NICE): Fractures (non-complex) – assessment and management.
  • National Institute for Health and Care Excellence (NICE): Hip fracture – management.
  • American Academy of Orthopaedic Surgeons (AAOS): Clinical Practice Guidelines und OrthoInfo – Fractures.
  • Royal College of Radiologists (RCR): iRefer – evidenzbasierte Empfehlungen zur Auswahl radiologischer Untersuchungen.
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