Die Knochenmark-MRT besitzt in der onkologischen Diagnostik eine zentrale Bedeutung, weil sie die Verdrängung des normalen Knochenmarks durch Tumorgewebe unmittelbar darstellen kann. Im Gegensatz zur konventionellen Radiographie und zur Computertomographie ist dafür weder eine osteolytische noch eine osteosklerotische Veränderung der Knochenstruktur erforderlich. Die 2026 veröffentlichten europäischen ESR-Essentials-Empfehlungen stärken insbesondere die Rolle der MRT beim Nachweis von Knochenmetastasen und bei der Diagnostik des multiplen Myeloms.
Die besondere Herausforderung besteht darin, maligne Knochenmarkinfiltrationen von physiologischen Markraumvarianten, reaktiven Veränderungen und Therapieeffekten zu unterscheiden. Weder eine T1-Signalabsenkung noch eine erhöhte Signalintensität in diffusionsgewichteten Aufnahmen beweist für sich genommen eine Tumorinfiltration. Entscheidend sind das Verteilungsmuster, der Nachweis verbliebenen Markraumfetts, die Kombination morphologischer und funktioneller Sequenzen sowie der klinische und therapeutische Kontext.
Inhaltsverzeichnis
- Wann ist die Knochenmark-MRT indiziert?
- Normales Knochenmark und Markraumkonversion
- Welche MRT-Sequenzen sind entscheidend?
- Muster der malignen Knochenmarkinfiltration
- Wichtige Differenzialdiagnosen und Fallstricke
- Besonderheiten beim multiplen Myelom
- Therapiekontrolle: Welche Veränderungen sprechen für ein Ansprechen?
- Systematische Bildanalyse und Befundung
- Fazit
- Literatur
Glossar – wichtige Fachbegriffe der Knochenmark-MRT
- Knochenmarkinfiltration: Eindringen und Ausbreitung krankhafter Zellen im Knochenmark. In der Onkologie insbesondere durch Metastasen oder hämatologische Neoplasien. Häufig mit einer Verdrängung des normalen fetthaltigen Knochenmarks verbunden.
- Markraumkonversion: Physiologische, altersabhängige Umwandlung von hämatopoetisch aktivem rotem Knochenmark in überwiegend fetthaltiges gelbes Knochenmark.
- Markraumrekonversion: Erneute Zunahme roten Knochenmarks in zuvor fettreichen Markraumanteilen bei erhöhtem hämatopoetischem Bedarf, beispielsweise bei chronischer Anämie oder nach Behandlung mit Wachstumsfaktoren. Kann eine diffuse Tumorinfiltration imitieren.
- STIR (Short Tau Inversion Recovery): MRT-Sequenz mit Fettunterdrückung, die wasserreiche Veränderungen wie Knochenmarködeme und viele Tumorinfiltrationen signalreich darstellt. Die Signalsteigerung ist nicht malignitätsspezifisch.
- Dixon-Technik: MRT-Verfahren zur Trennung von Wasser- und Fettsignalen. Ermöglicht unter anderem Wasser-, Fett-, In-phase- und Opposed-phase-Bilder sowie bei geeigneter Technik quantitative Fettfraktionsmessungen.
- Opposed-phase-Bildgebung: Aufnahme, bei der sich Wasser- und Fettsignale innerhalb desselben Voxels teilweise gegenseitig aufheben. Ein Signalabfall gegenüber der In-phase-Aufnahme weist auf gemeinsam vorhandenes Wasser und Fett hin und unterstützt häufig die Einordnung einer Markraumveränderung als benigne.
- Fettfraktion (Fat Fraction, FF): Quantitativer Anteil des Fettsignals am gesamten messbaren Wasser- und Fettsignal eines Gewebes. Kann bei der Charakterisierung von Knochenmarkveränderungen und der Beurteilung des Therapieansprechens hilfreich sein.
- DWI (Diffusion-Weighted Imaging): Diffusionsgewichtete MRT zur Darstellung der Wasserbeweglichkeit im Gewebe. Sie erhöht die Nachweisempfindlichkeit für zahlreiche zellreiche Knochenmarkläsionen, ist jedoch nicht tumorspezifisch.
- ADC (Apparent Diffusion Coefficient): Quantitativer Parameter der diffusionsgewichteten MRT, der die scheinbare Wasserbeweglichkeit im Gewebe beschreibt. ADC-Veränderungen können Hinweise auf Tumorzellularität und Therapieansprechen liefern, müssen im Knochenmark jedoch besonders sorgfältig interpretiert werden.
- WB-MRI (Whole-Body Magnetic Resonance Imaging): Ganzkörper-MRT zur systematischen Erfassung von Knochenmarkläsionen und gegebenenfalls extraskelttalen Tumormanifestationen. Besonders relevant bei metastasierenden Tumorerkrankungen und multiplem Myelom.
- AS-MRI (Axial Skeleton MRI): MRT des Achsenskeletts mit Schwerpunkt auf Wirbelsäule, Becken und gegebenenfalls proximalen Femora. Erfasst wesentliche Anteile des hämatopoetisch aktiven Knochenmarks, jedoch nicht das gesamte Skelett.
- MY-RADS (Myeloma Response Assessment and Diagnosis System): Standardisiertes System zur Durchführung, Interpretation und Befundung der Ganzkörper-MRT beim multiplen Myelom, einschliesslich der Beurteilung des Therapieansprechens.
- MET-RADS-P (Metastasis Reporting and Data System for Prostate Cancer): Standardisiertes System zur Beurteilung der Ganzkörper-MRT bei fortgeschrittenem Prostatakarzinom. Unterstützt die strukturierte Erfassung der Tumorausdehnung und die Bewertung des Therapieansprechens.
- Myelomdefinierendes Ereignis (Myeloma-Defining Event, MDE): Befund, der unter den entsprechenden diagnostischen Voraussetzungen die Diagnose eines behandlungsbedürftigen multiplen Myeloms begründet. Hierzu zählt unter anderem der Nachweis von mehr als einer fokalen MRT-Läsion mit jeweils mindestens 5 mm Durchmesser.
Wann ist die Knochenmark-MRT indiziert?
Die Empfehlungen der European Society of Musculoskeletal Radiology (ESSR) aus dem Jahr 2026 sehen die MRT als bevorzugtes Verfahren zur Untersuchung einer vermuteten Knochenmarkbeteiligung bei metastasierenden soliden Tumoren und beim multiplen Myelom. Sie ermöglicht sowohl den Nachweis fokaler Läsionen als auch die Beurteilung diffuser Markrauminfiltrationen.
Wesentliche Indikationen sind das initiale Staging, die Bestimmung der ossären Tumorausdehnung, die Therapiekontrolle, der Nachweis einer Rezidiverkrankung und die Abklärung tumorbedingter Komplikationen. Besonders relevant ist die Methode bei Tumorerkrankungen mit ausgeprägter Skelettbeteiligung, beispielsweise beim Prostatakarzinom und Mammakarzinom.
Für die Wahl des Untersuchungsumfangs unterscheiden die Empfehlungen zwei Strategien:
- MRT des Achsenskeletts (AS-MRI): Untersuchung von Wirbelsäule, Becken und proximalen Femora. Sie erfasst einen grossen Anteil des hämatopoetisch aktiven Knochenmarks und eignet sich für gezielte Fragestellungen und bestimmte Verlaufskontrollen.
- Ganzkörper-MRT (WB-MRI): Untersuchung des Skeletts üblicherweise vom Kopf bis zu den Oberschenkeln, gegebenenfalls mit erweiterter Abdeckung. Sie ermöglicht eine umfassendere Erfassung multifokaler Erkrankungen und kann zusätzlich extraskelttale Manifestationen darstellen.
Die Ganzkörper-MRT wird für eine möglichst vollständige Beurteilung der Tumorausdehnung bevorzugt. Eine Untersuchung des Achsenskeletts kann dagegen bei geeigneter klinischer Fragestellung eine zeitsparende Alternative darstellen. Eine ausschliessliche MRT der Wirbelsäule ist für das systematische Staging unzureichend, da Läsionen des Beckens und der proximalen Femora übersehen werden können.
Die Wahl zwischen MRT und PET/CT hängt zusätzlich von der Tumorbiologie, der Verfügbarkeit geeigneter Radiotracer und den krankheitsspezifischen Leitlinien ab. Die Empfehlung zugunsten der Knochenmark-MRT bedeutet nicht, dass sie bei jeder onkologischen Fragestellung sämtliche anderen Stagingverfahren ersetzt.
Normales Knochenmark und Markraumkonversion
Die Interpretation der Knochenmark-MRT setzt die Kenntnis der normalen Zusammensetzung und altersabhängigen Verteilung des Knochenmarks voraus. Rotes Knochenmark enthält hämatopoetisches Gewebe, Wasser und einen relevanten Fettanteil. Gelbes Knochenmark besteht überwiegend aus Fettgewebe.
Im Verlauf des Wachstums wird rotes Knochenmark zunehmend durch gelbes Knochenmark ersetzt. Diese physiologische Markraumkonversion erfolgt in einem charakteristischen Verteilungsmuster. Beim Erwachsenen verbleibt hämatopoetisch aktives Knochenmark vorwiegend im Achsenskelett sowie in den proximalen Anteilen von Humerus und Femur.
Auf T1-gewichteten Aufnahmen erscheint fettreiches gelbes Knochenmark signalintensiv. Rotes Knochenmark zeigt aufgrund seines höheren Wasser- und Zellgehalts eine geringere Signalintensität, enthält aber weiterhin mikroskopisches Fett.
Ein wichtiges Beurteilungskriterium ist der Signalvergleich mit der Skelettmuskulatur. Normales oder rekonvertiertes rotes Knochenmark bleibt auf konventionellen T1-gewichteten Aufnahmen typischerweise signalreicher als Muskulatur. Eine maligne Markraumersatzläsion kann dagegen eine Signalintensität erreichen, die der Muskulatur entspricht oder darunter liegt.
Dieses Kriterium ist eine Orientierungshilfe und kein absoluter Grenzwert. Insbesondere bei ausgeprägter Rekonversion, Anämie oder diffuser hämatologischer Erkrankung können sich die Signalbereiche überschneiden.
Eine Markraumrekonversion bezeichnet die erneute Zunahme hämatopoetisch aktiven roten Knochenmarks in zuvor fettreichen Markraumanteilen. Sie kann unter anderem bei chronischer Anämie, erhöhtem hämatopoetischem Bedarf, Adipositas oder nach Behandlung mit hämatopoetischen Wachstumsfaktoren auftreten.
Typisch sind eine relativ symmetrische Verteilung und der Nachweis verbliebenen mikroskopischen Fetts. Die Rekonversion darf insbesondere bei onkologischen Patienten nicht vorschnell als diffuse Tumorinfiltration interpretiert werden.
Welche MRT-Sequenzen sind entscheidend?
Die europäischen Empfehlungen betonen die Kombination fett- und wassersensitiver Sequenzen mit der diffusionsgewichteten Bildgebung. Die Verfahren liefern unterschiedliche Informationen und sollten gemeinsam beurteilt werden.
T1-gewichtete Bildgebung
Die T1-gewichtete Sequenz ist eine zentrale Grundlage der Knochenmarkbeurteilung. Sie ermöglicht die Darstellung des fettreichen Markraums und den Nachweis fokaler oder diffuser Fettverdrängung.
Eine maligne Knochenmarkinfiltration führt häufig zu einer verminderten T1-Signalintensität, da Tumorzellen das normale fetthaltige Knochenmark ersetzen. Besonders verdächtig sind umschriebene, deutlich signalarme Läsionen, deren Signalintensität der Muskulatur entspricht oder darunter liegt.
Die Signalabsenkung ist jedoch nicht spezifisch. Knochenmarködeme, Frakturen, Entzündungen und reaktive hämatopoetische Veränderungen können ein ähnliches Erscheinungsbild verursachen.
STIR und wassersensitive Sequenzen
STIR-Sequenzen (Short Tau Inversion Recovery) unterdrücken das Fettsignal und heben wasserreiche Veränderungen hervor. Tumorinfiltrationen erscheinen häufig signalreich, ebenso jedoch Knochenmarködeme, entzündliche Veränderungen und frische Frakturen.
Eine STIR-Hyperintensität weist deshalb auf eine Veränderung der Markraumzusammensetzung hin, erlaubt aber keine sichere Unterscheidung zwischen malignen und benignen Ursachen.
Dixon-Bildgebung und Fettfraktion
Die Dixon-Technik nutzt die unterschiedliche Resonanzfrequenz von Wasser- und Fettprotonen. Daraus lassen sich Wasser- und Fettbilder sowie In-phase- und Opposed-phase-Aufnahmen rekonstruieren.
Die europäischen Empfehlungen bevorzugen geeignete Fast-Spin-Echo-T2-Dixon-Sequenzen, weil sie fett- und wassersensitive Bildinformationen effizient kombinieren können.
Von besonderer Bedeutung ist die Opposed-phase-Bildgebung. Enthält ein Voxel sowohl Wasser als auch Fett, kommt es durch die gegenphasige Signalüberlagerung zu einem Signalabfall. Ein solcher Signalabfall unterstützt den Nachweis verbliebenen mikroskopischen Fetts und damit häufig eine benigne Markraumveränderung.
Fehlt ein relevanter Signalabfall, kann dies auf eine weitgehende Verdrängung des normalen Knochenmarkfetts hinweisen. Auch dieses Zeichen ist jedoch nicht absolut spezifisch. Die Beurteilung wird unter anderem durch die Läsionszusammensetzung, technische Parameter und ausgeprägte Sklerosierung beeinflusst.
Quantitative Dixon-Verfahren erlauben zusätzlich die Bestimmung der Fettfraktion (Fat Fraction, FF). Sie kann insbesondere bei Verlaufskontrollen Hinweise auf eine erneute Fettmarkbildung nach erfolgreicher Behandlung liefern.
Diffusionsgewichtete Bildgebung und ADC
Die diffusionsgewichtete MRT (DWI) erhöht die Empfindlichkeit für zellreiche Markraumläsionen. Tumorinfiltrationen zeigen häufig eine erhöhte Signalintensität auf stark diffusionsgewichteten Aufnahmen.
Der scheinbare Diffusionskoeffizient (Apparent Diffusion Coefficient, ADC) beschreibt die gemessene Wasserbeweglichkeit innerhalb des Gewebes. Bei zellreichen Läsionen kann die Diffusion eingeschränkt und der ADC vermindert sein.
Die Interpretation unterscheidet sich jedoch von derjenigen vieler anderer Organe. Fettreiches normales Knochenmark besitzt aufgrund seines geringen frei beweglichen Wasseranteils häufig niedrige ADC-Werte. Eine erfolgreiche Tumortherapie kann zunächst durch Zelluntergang und zunehmenden extrazellulären Raum zu einem ADC-Anstieg führen.
Ein niedriger ADC-Wert ist deshalb nicht grundsätzlich mit vitalem Tumorgewebe gleichzusetzen. Ebenso wenig beweist eine hohe Signalintensität auf DWI-Aufnahmen eine maligne Infiltration. Die Beurteilung erfordert stets die Korrelation mit T1-, Dixon- und wassersensitiven Sequenzen.
Muster der malignen Knochenmarkinfiltration
Maligne Knochenmarkveränderungen können fokal, multifokal, diffus oder gemischt auftreten. Das Verteilungsmuster liefert wichtige Hinweise auf die Erkrankungsausdehnung, ist jedoch allein nicht tumorspezifisch.
Fokale und multifokale Infiltration
Fokale Metastasen erscheinen häufig als umschriebene T1-signalarme Läsionen mit erhöhter Signalintensität auf wassersensitiven und diffusionsgewichteten Aufnahmen. Die normale fetthaltige Markraumstruktur wird lokal verdrängt.
Bei multifokaler Erkrankung finden sich mehrere entsprechende Läsionen in unterschiedlichen Skelettabschnitten. Eine Ganzkörper-MRT ermöglicht die systematische Erfassung ihrer Anzahl, Verteilung und Ausdehnung.
Osteosklerotische Metastasen können ein abweichendes Signalverhalten zeigen. Ausgeprägt sklerosierte Läsionen sind unter Umständen sowohl auf T1- als auch auf T2-gewichteten Aufnahmen signalarm und können in der DWI wenig auffällig sein. Hier kann die ergänzende CT wichtige Informationen zur mineralisierten Knochenstruktur liefern.
Diffuse Knochenmarkinfiltration
Eine diffuse Infiltration kann zu einer weitgehend homogenen T1-Signalabsenkung grosser Markraumanteile führen. Die normale Differenzierung zwischen fettreichem und hämatopoetischem Knochenmark wird vermindert.
Die Abgrenzung zur ausgeprägten hämatopoetischen Rekonversion gehört zu den schwierigsten Aufgaben. Hilfreich sind die Signalintensität im Vergleich zur Muskulatur, die Fettfraktion, das Opposed-phase-Verhalten und die klinischen Laborbefunde.
Bei diffuser Infiltration kann das Knochenmark auf DWI-Aufnahmen grossflächig signalreich erscheinen. Ein solches Muster ist jedoch nicht spezifisch und kann auch bei einer gesteigerten normalen Hämatopoese auftreten.
Gemischte und heterogene Muster
Bei fortgeschrittenen Erkrankungen können fokale Läsionen und diffuse Infiltration nebeneinander bestehen. Zusätzlich können therapiebedingte Fettmarkumwandlungen, Nekrosen oder sklerotische Veränderungen ein heterogenes Erscheinungsbild verursachen.
Gerade bei solchen Befunden ist die direkte Korrelation der einzelnen Sequenzen entscheidend. Eine isolierte Betrachtung von DWI-MIP-Bildern kann sowohl die Ausdehnung als auch die biologische Aktivität der Erkrankung falsch einschätzen.
Wichtige Differenzialdiagnosen und Fallstricke
Eine der wichtigsten Ursachen falsch positiver MRT-Befunde ist die Gleichsetzung von T1-Signalabsenkung oder STIR-Hyperintensität mit einer malignen Knochenmarkinfiltration. Mehrere benigne Veränderungen können entsprechende Signalmuster hervorrufen.
Hämatopoetische Rekonversion
Rekonvertiertes rotes Knochenmark kann sowohl auf T1-gewichteten als auch auf diffusionsgewichteten Aufnahmen auffällig erscheinen. Die meist symmetrische Verteilung, eine im Vergleich zur Muskulatur erhaltene T1-Signalintensität und der Nachweis mikroskopischen Fetts sprechen für eine benigne Ursache.
Bei Patienten nach Chemotherapie oder unter Behandlung mit Granulozyten-Kolonie-stimulierendem Faktor (G-CSF) kann eine ausgeprägte Aktivierung der Hämatopoese entstehen. Diese kann eine diffuse oder fleckige Tumorinfiltration imitieren.
Frakturen und reaktives Knochenmarködem
Akute Frakturen verursachen eine T1-Signalabsenkung und eine deutliche STIR-Hyperintensität. Bei osteoporotischen Wirbelkörperfrakturen kann die Abgrenzung zu einer pathologischen Fraktur durch Tumorinfiltration schwierig sein.
Für eine benigne Fraktur sprechen unter anderem eine erhaltene Fettmarkkomponente, ein bandförmiges Signalveränderungsmuster und eine typische Frakturlinie. Verdächtig auf eine maligne Ursache sind dagegen eine diffuse Markraumersatzläsion, eine konvexe Vorwölbung der dorsalen Wirbelkörperkontur, eine epidurale oder paravertebrale Weichteilmasse und weitere fokale Knochenmarkläsionen.
Keines dieser Kriterien ist für sich genommen beweisend. Bei unklaren Befunden können CT, Verlaufskontrolle oder histologische Sicherung erforderlich sein.
Degenerative und entzündliche Veränderungen
Degenerative Endplattenveränderungen vom Modic-Typ 1 zeigen eine T1-Signalabsenkung und eine erhöhte Signalintensität auf wassersensitiven Sequenzen. Ihre unmittelbare Beziehung zu degenerativ veränderten Bandscheiben und die typische endplattennahe Verteilung erleichtern die Abgrenzung zu Metastasen.
Entzündliche Veränderungen können ebenfalls eine ausgeprägte Diffusionsauffälligkeit aufweisen. Bei Verdacht auf Spondylodiszitis sind insbesondere die Beteiligung der Bandscheibe, benachbarte Endplattenveränderungen und mögliche paravertebrale Entzündungszeichen zu berücksichtigen.
Therapiebedingte Veränderungen
Nach Bestrahlung kann zunächst ein Knochenmarködem auftreten, gefolgt von einer zunehmenden Fettmarkumwandlung. Typisch ist eine relativ scharf begrenzte Veränderung innerhalb des Bestrahlungsfeldes.
Auch systemische Therapien verändern die Markraumzusammensetzung. Ohne Kenntnis des Behandlungszeitpunkts und der verwendeten Medikamente können solche Veränderungen fälschlich als Progression oder neu aufgetretene Tumorinfiltration interpretiert werden.
Besonderheiten beim multiplen Myelom
Das multiple Myelom gehört zu den wichtigsten Indikationen der Ganzkörper-MRT. Im Gegensatz zur konventionellen Radiographie kann die MRT fokale oder diffuse Plasmazellinfiltrationen bereits vor dem Auftreten osteolytischer Knochenveränderungen nachweisen.
Typische MRT-Muster umfassen ein unauffälliges, fokales, diffus infiltriertes, kombiniert fokal-diffuses und heterogenes beziehungsweise sogenanntes Salz-und-Pfeffer-Muster.
Nach den Kriterien der International Myeloma Working Group (IMWG) gilt der Nachweis von mehr als einer fokalen MRT-Läsion mit einer Grösse von jeweils mindestens 5 mm unter den entsprechenden klinischen Voraussetzungen als myelomdefinierendes Ereignis. Die MRT-Morphologie muss dabei mit den hämatologischen und laborchemischen Befunden korreliert werden.
Die Ganzkörper-MRT mit Diffusionsbildgebung ermöglicht zusätzlich die Erfassung des gesamten Markraumbefalls und die Verlaufskontrolle unter Therapie. Für eine standardisierte Beurteilung stehen krankheitsspezifische Empfehlungen wie MY-RADS zur Verfügung.
Die MRT kann allerdings die Stabilität der mineralisierten Knochenstruktur nicht vollständig beurteilen. Bei osteolytischen Veränderungen, Frakturgefahr oder operationsrelevanten Fragestellungen bleibt die CT eine wichtige ergänzende Methode.
Therapiekontrolle: Welche Veränderungen sprechen für ein Ansprechen?
Die Beurteilung des Therapieansprechens gehört zu den anspruchsvollsten Anwendungen der Knochenmark-MRT. Eine erfolgreiche Behandlung führt nicht zwangsläufig zu einer unmittelbaren Grössenabnahme oder zum vollständigen Verschwinden einer Läsion.
Durch Tumorzelluntergang und Veränderungen des extrazellulären Raums kann der ADC zunächst ansteigen. Gleichzeitig kann die DWI-Signalintensität abnehmen. Im weiteren Verlauf ist häufig eine zunehmende Fettmarkbildung nachweisbar, die sich durch eine höhere T1-Signalintensität und steigende Fettfraktion zeigt.
Eine zunehmende Fettfraktion kann deshalb ein wichtiger Hinweis auf eine erfolgreiche Behandlung sein. Umgekehrt können neu auftretende fokale Markraumersatzläsionen, zunehmende Tumorausdehnung oder eine erneut gesteigerte Diffusionsauffälligkeit für eine Progression sprechen.
Die Interpretation quantitativer ADC-Werte erfordert besondere Vorsicht. Sehr zellarme, nekrotische oder vollständig verfettete Läsionen können im Verlauf unterschiedliche ADC-Entwicklungen zeigen. Ein universeller ADC-Grenzwert zur Unterscheidung zwischen vitalem Tumor und erfolgreicher Therapie existiert nicht.
Für die Verlaufskontrolle ist deshalb die Kombination aus Morphologie, DWI, ADC und Fettfraktion wesentlich aussagekräftiger als ein einzelner Messwert. Untersuchungen sollten möglichst mit vergleichbaren Protokollen und identischer Nachverarbeitung erfolgen.
Auch die zeitliche Beziehung zur Behandlung ist entscheidend. Frühzeitige reaktive Veränderungen, hämatopoetische Regeneration und strahlenbedingte Fettmarkumwandlung können die Beurteilung beeinflussen.
Systematische Bildanalyse und Befundung
Die Beurteilung der Knochenmark-MRT sollte in einer festen Reihenfolge erfolgen. Zunächst wird die normale Markraumverteilung anhand fettgewichteter Bilder beurteilt. Anschliessend werden fokale und diffuse Signalveränderungen auf wassersensitiven und diffusionsgewichteten Sequenzen gesucht und mit den anatomischen Bildern korreliert.
Für eine strukturierte Analyse sind folgende Fragen entscheidend:
- Verteilung: Liegt eine fokale, multifokale, diffuse oder gemischte Veränderung vor?
- T1-Signal: Ist die normale Fettmarkstruktur erhalten oder durch signalarmes Gewebe ersetzt?
- Dixon-Verhalten: Ist mikroskopisches Fett nachweisbar? Besteht ein relevanter Signalabfall auf Opposed-phase-Aufnahmen?
- Wassersensitive Sequenzen: Besteht eine korrespondierende Signalsteigerung und wie ist diese anatomisch verteilt?
- DWI und ADC: Liegt eine fokale Diffusionsauffälligkeit vor und passt sie zur morphologischen Läsion?
- Knochenstruktur und Weichteile: Bestehen Frakturen, kortikale Destruktionen, epidurale Ausbreitung oder extraossäre Tumoranteile?
- Verlauf: Sind neue Läsionen, eine Grössenzunahme, zunehmende Fettmarkbildung oder andere therapiebedingte Veränderungen nachweisbar?
Bei der Befundformulierung sollten morphologische Beschreibung und diagnostische Einordnung getrennt werden. Eine fokale T1-signalarme Läsion mit STIR-Hyperintensität und Diffusionsauffälligkeit kann beispielsweise als verdächtig auf eine maligne Knochenmarkinfiltration eingeordnet werden, wenn Verteilungsmuster und klinischer Kontext dies unterstützen.
Bei unklarer Differenzierung zwischen Rekonversion und Infiltration sollte die Unsicherheit ausdrücklich benannt werden. Eine pauschale Diagnose allein aufgrund eines auffälligen DWI-Signals ist zu vermeiden.
Besondere Aufmerksamkeit erfordern klinisch relevante Komplikationen. Eine epidurale Tumorausbreitung mit möglicher Rückenmarkkompression, eine drohende pathologische Fraktur oder eine ausgeprägte Instabilität müssen im Befund hervorgehoben und bei entsprechender Dringlichkeit unmittelbar kommuniziert werden.
Die Bildgebung soll letztlich nicht nur die Anzahl und Verteilung der Läsionen dokumentieren, sondern eine klinisch verwertbare Aussage zu Erkrankungsausdehnung, Therapieansprechen und möglichen Komplikationen ermöglichen.
Fazit
Die europäischen ESR-Essentials-Empfehlungen 2026 stärken die Rolle der Knochenmark-MRT beim Nachweis und bei der Verlaufskontrolle ossärer Tumormanifestationen. Die Kombination aus fett- und wassersensitiven Sequenzen, Dixon-Technik und Diffusionsbildgebung ermöglicht eine differenzierte Beurteilung von Markraumveränderungen.
Für die praktische Befundung ist insbesondere die Unterscheidung zwischen tatsächlichem Markraumersatz und benignen Veränderungen mit erhaltenem Knochenmarkfett entscheidend. Weder die T1-Signalabsenkung noch eine erhöhte DWI-Signalintensität ist für sich allein malignitätsspezifisch.
Bei der Therapiekontrolle gewinnen quantitative ADC- und Fettfraktionsmessungen an Bedeutung. Ihre Interpretation muss jedoch stets im Zusammenhang mit Morphologie, Untersuchungsprotokoll und klinischem Verlauf erfolgen.
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