CT Nasennebenhöhlen: Normvarianten sicher erkennen

CT der Nasennebenhöhlen mit Darstellung anatomischer Normvarianten

Die CT der Nasennebenhöhlen dient nicht nur der Beurteilung entzündlicher Schleimhautveränderungen. Sie zeigt auch komplexe Drainagewege, knöcherne Landmarken und anatomische Normvarianten, die für die funktionell-endoskopische Nasennebenhöhlenchirurgie (FESS) entscheidend sein können.

Viele dieser Varianten besitzen keinen eigenen Krankheitswert. Relevant werden sie vor allem dann, wenn sie Drainagewege beeinflussen, die endoskopische Orientierung verändern oder in enger Beziehung zu gefährdeten Strukturen wie Schädelbasis, Orbita, Nervus opticus oder Arteria carotis interna stehen.

Die entscheidende Frage im CT-Befund lautet deshalb nicht nur: Welche anatomische Variante liegt vor? Ebenso wichtig ist: Welche funktionelle oder chirurgische Bedeutung besitzt sie?

Warum Normvarianten klinisch wichtig sind

Die Anatomie der Nasennebenhöhlen variiert erheblich zwischen einzelnen Menschen. Besonders komplex sind der ostiomeatale Komplex, der frontale Rezessus, das posteriore Ethmoid und der Sinus sphenoidalis.

Für die präoperative Planung reicht es deshalb nicht aus, einzelne Varianten lediglich zu benennen. Der Befund sollte ihre Beziehung zu Drainagewegen und chirurgischen Risikostrukturen beschreiben.

  • Ist der frontale Drainageweg eingeengt oder anatomisch verlagert?
  • Besteht eine enge Beziehung zum Nervus opticus?
  • Protrudiert die Arteria carotis interna in den Sinus sphenoidalis?
  • Bestehen Dehiszenzen oder ausgeprägte Asymmetrien der Schädelbasis?
  • Verläuft die Arteria ethmoidalis anterior frei unterhalb der Schädelbasis?

Damit wird die CT zur anatomischen Landkarte für die endoskopische Chirurgie.

CT-Technik: Multiplanare Rekonstruktionen sind entscheidend

Die komplexe dreidimensionale Anatomie der Nasennebenhöhlen lässt sich nicht zuverlässig in nur einer Ebene beurteilen. Dünnschichtige CT-Datensätze mit Rekonstruktionen im Knochenfenster ermöglichen die systematische Analyse in axialer, koronarer und sagittaler Ebene.

Die koronare Ebene eignet sich besonders zur Beurteilung von ostiomeatalem Komplex, Orbitawänden und vorderer Schädelbasis. Sagittale Rekonstruktionen sind für den frontalen Rezessus und den frontalen Drainageweg besonders hilfreich. Axiale Bilder zeigen unter anderem die Beziehungen im posterioren Ethmoid und Sinus sphenoidalis.

Wichtige Normvarianten im Überblick

Normvariante Typische Lokalisation Praktische Bedeutung
Agger-nasi-Zelle vorderes Ethmoid wichtige Landmarke des frontalen Rezessus
Haller-Zelle infraorbital kann Infundibulum und ostiomeatalen Komplex einengen
Concha bullosa meist mittlere Nasenmuschel kann den mittleren Nasengang einengen
Frontoethmoidale Zellen frontaler Rezessus beeinflussen Verlauf des frontalen Drainagewegs
Onodi-Zelle posteriores Ethmoid enge Beziehung zum Nervus opticus möglich
Carotis-Protrusion oder -Dehiszenz Sinus sphenoidalis hohe chirurgische Relevanz
Tiefe Fossa olfactoria vordere Schädelbasis erhöhte Vulnerabilität der lateralen Lamelle

Agger-nasi-Zellen

Agger-nasi-Zellen gehören zu den konstantesten Zellen des vorderen Ethmoids. Sie liegen anterior des Ansatzes der mittleren Nasenmuschel und bilden eine wichtige Landmarke für die Anatomie des frontalen Rezessus.

Ihre Grösse und ihre Beziehung zu benachbarten frontoethmoidalen Zellen beeinflussen den Verlauf des frontalen Drainagewegs. Deshalb sollte die Beurteilung nicht bei der Feststellung „Agger-nasi-Zelle vorhanden“ enden. Entscheidend ist ihre räumliche Beziehung zum Drainageweg des Sinus frontalis.

Besonders gut lässt sich diese Anatomie in sagittalen und koronaren Rekonstruktionen analysieren.

Koronare und sagittale CT-Darstellung von Agger-nasi-Zellen und frontalem Rezessus.

Haller-Zellen

Haller-Zellen sind infraorbitale Ethmoidalzellen entlang des medialen Orbitabodens. Je nach Grösse und Lage können sie das Infundibulum ethmoidale beziehungsweise den Bereich des ostiomeatalen Komplexes einengen.

Für die präoperative Beurteilung ist insbesondere ihre Beziehung zu Orbitaboden, Infundibulum und Canalis infraorbitalis relevant. Koronare Rekonstruktionen eignen sich besonders gut zur Darstellung dieser anatomischen Verhältnisse.

Concha bullosa und paradoxe mittlere Nasenmuschel

Die Concha bullosa bezeichnet eine Pneumatisation der Nasenmuschel, meist der mittleren Nasenmuschel. Kleine Formen sind häufige Zufallsbefunde ohne funktionelle Bedeutung. Eine ausgeprägte Pneumatisation kann dagegen den mittleren Nasengang einengen und die Anatomie des ostiomeatalen Komplexes verändern.

Bei der paradoxen mittleren Nasenmuschel ist die normale Krümmung verändert. Auch hier entscheidet nicht allein das Vorliegen der Variante, sondern ihre Ausprägung und ihre Beziehung zum mittleren Nasengang.

Koronare CT-Darstellung wichtiger anatomischer Varianten der Nasennebenhöhlen.

Frontaler Rezessus: moderne anatomische Einordnung nach IFAC

Die Anatomie des frontalen Rezessus gehört zu den komplexesten Bereichen der Nasennebenhöhlen. Entscheidend ist weniger die isolierte Benennung einzelner Zellen als ihre Beziehung zum frontalen Drainageweg.

Die ältere Einteilung frontaler Zellen nach Kuhn in Typ 1 bis 4 findet sich weiterhin in der Literatur und im klinischen Sprachgebrauch. Für eine moderne anatomische Beschreibung ist jedoch die International Frontal Sinus Anatomy Classification (IFAC) besser geeignet, da sie die Zellen nach ihrer Lage und ihrem Einfluss auf den frontalen Drainageweg beschreibt.

Zu den wichtigen IFAC-Zelltypen gehören:

  • Agger-nasi-Zelle
  • Supra-agger-Zelle
  • Supra-agger-frontal-Zelle
  • Supra-bulla-Zelle
  • Supra-bulla-frontal-Zelle
  • Supraorbitale Ethmoidalzelle
  • Frontalseptumzelle

Anterior gelegene Zellen können den frontalen Drainageweg nach medial oder posterior verlagern, während posterior gelegene Zellen ihn nach anterior verlagern können. Für die operative Planung ist diese räumliche Beziehung häufig wichtiger als die reine Bezeichnung der Zelle.

Onodi-Zellen und Nervus opticus

Eine Onodi-Zelle ist eine posteriore Ethmoidalzelle mit enger anatomischer Beziehung zum Nervus opticus und teilweise zur Arteria carotis interna. Sie gehört deshalb zu den chirurgisch besonders relevanten Varianten.

Der Nervus opticus kann unmittelbar an der Zellwand verlaufen oder in die Zelle vorgewölbt erscheinen. Eine sehr dünne oder fehlende knöcherne Begrenzung erhöht die Vulnerabilität bei endoskopischen Eingriffen.

Für die Befundung reicht deshalb die Feststellung einer Onodi-Zelle allein nicht aus. Entscheidend ist die Beschreibung ihrer Beziehung zum Nervus opticus und gegebenenfalls zur Arteria carotis interna.

Sinus sphenoidalis: Carotis, Optikus und Septen beachten

Die Pneumatisation des Sinus sphenoidalis bestimmt wesentlich die Beziehung zu angrenzenden neurovaskulären Strukturen. Besonders wichtig sind Protrusionen oder knöcherne Dehiszenzen des Canalis caroticus und des Canalis opticus.

Auch Septen im Sinus sphenoidalis verdienen Aufmerksamkeit. Setzt ein knöchernes Septum unmittelbar am Canalis caroticus an, kann dies für einen endoskopischen Eingriff relevant sein.

Eine dehiszente oder nur sehr dünn knöchern bedeckte Arteria carotis interna sollte im präoperativen CT-Befund ausdrücklich erwähnt werden.

Keros-Klassifikation und vordere Schädelbasis

Die Keros-Klassifikation beschreibt die Tiefe der Fossa olfactoria anhand der Höhe der lateralen Lamelle der Lamina cribrosa.

Keros-Typ Tiefe der Fossa olfactoria Einordnung
Typ I 1–3 mm flache Fossa olfactoria
Typ II 4–7 mm mittlere Tiefe
Typ III 8–16 mm tiefe Fossa olfactoria, lange vulnerable laterale Lamelle

Bei Keros Typ III ist die laterale Lamelle besonders lang und dünn. Damit steigt die anatomische Vulnerabilität gegenüber einer unbeabsichtigten Verletzung der vorderen Schädelbasis.

Die Keros-Klassifikation sollte jedoch nicht isoliert betrachtet werden. Für die präoperative Risikobeurteilung sind zusätzlich die Höhe und Asymmetrie der Schädelbasis, mögliche Dehiszenzen und der Verlauf benachbarter Gefässe entscheidend.

Koronare CT-Grafik der Nasennebenhöhlen mit Darstellung der vorderen Schädelbasis und Keros-Klassifikation.

Arteria ethmoidalis anterior: kleine Struktur mit grosser Bedeutung

Die Arteria ethmoidalis anterior verläuft von der Orbita zur vorderen Schädelbasis. Ihr Verlauf ist variabel. Besonders relevant ist eine frei durch die Ethmoidalzellen verlaufende Arterie unterhalb der Schädelbasis.

In dieser Position ist das Gefäss bei endoskopischen Eingriffen stärker exponiert. Eine Verletzung kann zu einer Blutung und bei Retraktion des Gefässes in die Orbita zu einem orbitalen Hämatom führen.

Deshalb sollte die präoperative CT-Beurteilung nicht nur die bekannten Zellvarianten, sondern auch den Verlauf der Arteria ethmoidalis anterior einschliessen.

Lamina papyracea und Orbita

Auch die mediale Orbitawand gehört zur präoperativen Sicherheitsanalyse. Die Lamina papyracea ist sehr dünn und kann anatomische Dehiszenzen aufweisen. Zusätzlich können frühere Operationen oder Traumata ihre Kontinuität verändern.

Protrusionen von orbitalem Fett oder des Musculus rectus medialis in die Ethmoidalregion sollten ausdrücklich beschrieben werden. Solche Befunde können das Risiko einer orbitalen Verletzung bei einer erneuten Operation erhöhen.

Praktische CT-Checkliste vor FESS

Für die strukturierte präoperative Befundung kann das Schema CLOSE als Gedächtnisstütze dienen. Es lenkt den Blick gezielt auf wichtige chirurgische Risikostrukturen.

Struktur Wichtige Fragen
C – Cribriform plate Keros-Typ? Asymmetrie? Dehiszenz der Schädelbasis?
L – Lamina papyracea Intakt? Dehiszenz? Orbitale Protrusion?
O – Onodi cell Onodi-Zelle? Beziehung zum Nervus opticus?
S – Sphenoid sinus Pneumatisation? Carotis- oder Optikusprotrusion? Dehiszenz? Septenansatz?
E – Ethmoidal artery Verlauf der A. ethmoidalis anterior? Frei unterhalb der Schädelbasis?

Zusätzlich sollten Drainagewege, frontaler Rezessus, ostiomeataler Komplex, Nasenmuscheln und relevante Septumvarianten systematisch beurteilt werden.

Was gehört in einen guten präoperativen CT-Befund?

Ein guter Befund sollte nicht zu einem Katalog sämtlicher vorhandener Normvarianten werden. Entscheidend sind Befunde, die die Operation beeinflussen oder ein relevantes Risiko markieren.

  • Anatomie und Durchgängigkeit der wesentlichen Drainagewege
  • relevante frontoethmoidale Zellen und Verlauf des frontalen Drainagewegs
  • Onodi-Zelle und Beziehung zum Nervus opticus
  • Pneumatisation des Sinus sphenoidalis und Beziehung zur Arteria carotis interna
  • Keros-Typ sowie Asymmetrien oder Dehiszenzen der vorderen Schädelbasis
  • Verlauf der Arteria ethmoidalis anterior
  • Integrität der Lamina papyracea
  • relevante postoperative oder posttraumatische Veränderungen

Damit beantwortet der Befund nicht nur die Frage, welche Varianten vorhanden sind, sondern vor allem, welche davon für den geplanten Eingriff relevant sind.

Fazit

Anatomische Normvarianten der Nasennebenhöhlen sind häufig und überwiegend ohne eigenen Krankheitswert. Ihre Bedeutung ergibt sich aus ihrer Beziehung zu Drainagewegen und chirurgischen Risikostrukturen.

Eine strukturierte CT-Befundung vor FESS sollte deshalb den frontalen Drainageweg, die vordere Schädelbasis, Orbita, Nervus opticus, Arteria carotis interna und Arteria ethmoidalis anterior systematisch einbeziehen. Moderne anatomische Konzepte wie IFAC und praktische Checklisten wie CLOSE helfen dabei, aus einer Aufzählung von Normvarianten eine klinisch relevante präoperative Landkarte zu machen.

Literatur und weiterführende Informationen

  1. Fokkens WJ, Lund VJ, Hopkins C et al. European Position Paper on Rhinosinusitis and Nasal Polyps 2020. Rhinology. 2020;58(Suppl S29):1–464.
  2. Wormald PJ, Hoseman W, Callejas C et al. The International Frontal Sinus Anatomy Classification (IFAC) and Classification of the Extent of Endoscopic Frontal Sinus Surgery (EFSS). International Forum of Allergy & Rhinology. 2016;6:677–696.
  3. Orlandi RR, Kingdom TT, Smith TL et al. International Consensus Statement on Allergy and Rhinology: Rhinosinusitis 2021. International Forum of Allergy & Rhinology. 2021;11:213–739.
  4. Keros P. Über die praktische Bedeutung der Niveauunterschiede der Lamina cribrosa des Ethmoids. Zeitschrift für Laryngologie, Rhinologie, Otologie. 1962.
  5. Bolger WE, Butzin CA, Parsons DS. Paranasal sinus bony anatomic variations and mucosal abnormalities: CT analysis for endoscopic sinus surgery. Laryngoscope. 1991;101:56–64.

Hinweis: Die in diesem Beitrag verwendeten anatomischen Illustrationen und CT-Darstellungen wurden teilweise mithilfe künstlicher Intelligenz erstellt und dienen der didaktischen Veranschaulichung. Trotz sorgfältiger fachlicher Kontrolle können geringfügige anatomische Vereinfachungen oder Abweichungen gegenüber individuellen anatomischen Verhältnissen bestehen.

Nach oben scrollen