Was ist eine Arthrofibrose?
Die Arthrofibrose ist eine pathologische fibrotische Reaktion eines Gelenks. Ausgangspunkt ist häufig eine überschießende oder persistierende Entzündungsreaktion nach Operation, Trauma oder anderen Gewebeschädigungen. Aktivierte Fibroblasten und Myofibroblasten produzieren vermehrt extrazelluläre Matrix und Kollagen.
Dadurch können sich Adhäsionen und kontrakte fibrotische Gewebestrukturen entwickeln. Gelenkkapsel, Rezessus, Fettkörper und andere peri- oder intraartikuläre Strukturen können betroffen sein. Die zunehmende Fibrose vermindert die Beweglichkeit und kann zu Schmerzen und erheblicher funktioneller Einschränkung führen.
Molekulare Signalwege unter Beteiligung von TGF-β und verschiedenen inflammatorischen Mediatoren werden als wichtige Bestandteile dieser fehlregulierten Heilungsreaktion angesehen.
Wann tritt eine Arthrofibrose auf?
Besonders gut untersucht ist die Arthrofibrose des Kniegelenks. Sie kann unter anderem nach Kreuzbandrekonstruktionen, Knieendoprothesen, arthroskopischen Eingriffen, intraartikulären Frakturen oder anderen Gelenktraumata auftreten.
Mehrere Faktoren können ihre Entstehung begünstigen. Dazu gehören eine bereits präoperativ eingeschränkte Beweglichkeit, postoperative Entzündungsreaktionen, Infektionen, Hämarthros sowie operative und mechanische Faktoren. Auch Dauer und Qualität der Rehabilitation spielen eine Rolle.
Die Pathogenese ist allerdings multifaktoriell. Nicht bei allen Patient:innen mit postoperativer Gelenksteife liegt deshalb eine Arthrofibrose vor.
Klinik: Bewegungseinschränkung steht im Vordergrund
Typisch ist eine persistierende oder zunehmende Einschränkung des Bewegungsumfangs. Am Knie können sowohl Extension als auch Flexion betroffen sein. Schmerzen, Spannungsgefühl und Schwierigkeiten bei der Rehabilitation können hinzukommen.
Die konventionelle Radiografie kann insbesondere nach operativen Eingriffen wichtige Informationen über Gelenkstellung, Implantate und ossäre Veränderungen liefern. Die eigentlichen fibrotischen Weichteilveränderungen sind im Röntgenbild jedoch nur unzureichend beurteilbar.
Bei klinischem Verdacht auf eine intraartikuläre Ursache der Bewegungseinschränkung bietet die MRT deshalb einen wesentlichen diagnostischen Mehrwert.
Welche Rolle spielt die MRT?
Die MRT ermöglicht eine detaillierte Beurteilung von Gelenkkapsel, Rezessus, Synovialis, Fettkörpern und weiteren intraartikulären Weichteilstrukturen. Darüber hinaus lassen sich Begleitbefunde und alternative Ursachen einer Bewegungseinschränkung erfassen.
Reifes fibrotisches Gewebe besitzt aufgrund seines hohen Kollagenanteils typischerweise eine niedrige Signalintensität, insbesondere in flüssigkeitssensitiven Sequenzen. Je nach Aktivität, Vaskularisation und Reifegrad kann das Signal jedoch variieren. Ein einheitliches MRT-Erscheinungsbild besteht daher nicht.
Typische MRT-Befunde der Arthrofibrose
Morphologisch können sich bandförmige, strähnige, noduläre oder flächige fibrotische Weichteilstrukturen darstellen. Am Knie finden sich Veränderungen unter anderem im Hoffa-Fettkörper, im suprapatellaren Rezessus und im Bereich der interkondylären Notch.
Die normalen Fettgewebsräume können durch fibrotisches Gewebe teilweise oder vollständig ersetzt beziehungsweise überbrückt werden. Gleichzeitig können Adhäsionen zur Obliteration von Gelenkrecessus und zur mechanischen Einschränkung der Beweglichkeit beitragen.

Ein Gelenkerguss oder begleitende synoviale Reizzustände können vorhanden sein, sind jedoch unspezifisch. Auch Signalveränderungen des Hoffa-Fettkörpers müssen vorsichtig interpretiert werden, da entsprechende MRT-Veränderungen nicht zwangsläufig mit den klinischen Beschwerden korrelieren.
Sonderform: Cyclops-Läsion nach Kreuzbandrekonstruktion
Eine bekannte lokalisierte Form der anterioren Arthrofibrose ist die Cyclops-Läsion nach Rekonstruktion des vorderen Kreuzbandes. Dabei entwickelt sich typischerweise ein nodulärer fibrotischer Gewebeknoten anterior des Kreuzbandtransplantats in der interkondylären Notch.
Im MRT zeigt sich eine umschriebene Weichteilstruktur mit überwiegend niedriger bis intermediärer Signalintensität. Klinisch relevant wird der Befund insbesondere dann, wenn eine mechanische Einschränkung der terminalen Extension besteht. In diesem Fall wird auch vom Cyclops-Syndrom gesprochen.
Die Unterscheidung ist wichtig: Eine im MRT erkennbare Cyclops-Läsion muss nicht zwangsläufig symptomatisch sein. Erst die Übereinstimmung mit der klinischen Extensionshemmung macht sie zu einem relevanten Befund.
Was sollte im MRT systematisch beurteilt werden?
Bei Verdacht auf Arthrofibrose sollte die Befundung nicht bei der Feststellung „postoperative Vernarbung“ enden. Für die klinische Beurteilung sind Lokalisation und Ausdehnung entscheidend.
- Lokalisation und Ausdehnung fibrotischer Veränderungen
- Hoffa-Fettkörper und interkondyläre Notch
- suprapatellarer und weitere Gelenkrecessus
- Gelenkkapsel und Synovialis
- freie Gelenkkörper oder mechanische Impingement-Ursachen
- Knorpel und subchondraler Knochen
- Menisken und Bandstrukturen
- bei operierten Gelenken: Transplantate, Bohrkanäle und Implantate
- Hinweise auf Infektion oder andere postoperative Komplikationen
Wichtige Differenzialdiagnosen
Nicht jede postoperative Weichteilveränderung entspricht einer klinisch relevanten Arthrofibrose. Besonders wichtig ist die Abgrenzung gegenüber normalen postoperativen Narbenveränderungen und mechanischen Ursachen der Bewegungseinschränkung.
Nach Kreuzbandrekonstruktion müssen beispielsweise Fehlpositionierungen der Bohrkanäle, Transplantatimpingement oder Transplantatinsuffizienz berücksichtigt werden. Nach Endoprothesenimplantation sind unter anderem Komponentenposition, Lockerung, periprothetische Fraktur und Infektion relevante Differenzialdiagnosen.
Auch Synovitiden, tenosynoviale Riesenzelltumoren, freie Gelenkkörper und degenerative Veränderungen können Beschwerden und teilweise signalarmes intraartikuläres Gewebe verursachen. T2-hypointenses Gewebe allein beweist deshalb keine Arthrofibrose.
MRT-Befund immer im klinischen Kontext interpretieren
Die Diagnose einer Arthrofibrose ergibt sich aus dem Zusammenspiel von Anamnese, klinischer Bewegungseinschränkung und Bildgebung. Ein MRT-Befund ohne entsprechende funktionelle Beschwerden sollte zurückhaltend bewertet werden.
Umgekehrt kann die MRT bei ausgeprägter Bewegungseinschränkung helfen, Lokalisation und Ausmass fibrotischer Veränderungen darzustellen und gleichzeitig andere behandelbare Ursachen auszuschliessen.
Therapeutische Bedeutung der Bildgebung
Die Behandlung richtet sich nach Ursache, Gelenk, Schweregrad und Dauer der Bewegungseinschränkung. Prävention und frühzeitige Rehabilitation besitzen einen hohen Stellenwert. Bei bestehender Arthrofibrose kommen je nach Situation konservative Massnahmen, Manipulation unter Anästhesie oder operative Verfahren wie eine arthroskopische Arthrolyse infrage.
Die MRT entscheidet nicht allein über die Therapie. Sie kann jedoch vor einem operativen Eingriff wichtige Informationen über Lokalisation und Ausdehnung der Fibrose sowie über zusätzliche mechanische oder strukturelle Ursachen liefern.
Fazit
Die MRT ist ein wichtiges Verfahren zur Abklärung einer klinisch vermuteten Arthrofibrose. Typisch sind bandförmige, strähnige oder noduläre fibrotische Weichteilveränderungen, häufig mit niedriger Signalintensität in flüssigkeitssensitiven Sequenzen.
Besonders am postoperativen Knie sollte die Befundung systematisch erfolgen. Dabei müssen Hoffa-Fettkörper, Gelenkrecessus, interkondyläre Notch und postoperative Strukturen gezielt beurteilt werden. Eine Cyclops-Läsion stellt eine wichtige lokalisierte Form der anterioren Arthrofibrose nach Kreuzbandrekonstruktion dar.
Entscheidend bleibt jedoch die klinisch-radiologische Korrelation: Nicht jede Vernarbung im MRT verursacht Beschwerden, und nicht jede postoperative Gelenksteife ist Folge einer Arthrofibrose.
Literatur
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