CT-Untersuchungen – Schwangerschaft

CT-Untersuchung vor der Schwangerschaft – Einordnung einer kanadischen Studie

CT vor der Schwangerschaft ist seit der Veröffentlichung einer grossen kanadischen Kohortenstudie 2025 Gegenstand einer intensiven Diskussion. Die Untersuchung fand bei Frauen mit CT-Untersuchungen vor der Empfängnis statistisch häufiger Schwangerschaftsverluste und kongenitale Fehlbildungen als bei Frauen ohne vorausgegangene CT.

Die Ergebnisse sind aufgrund der aussergewöhnlich grossen Studienpopulation relevant. Sie dürfen jedoch nicht mit dem Nachweis eines strahlenbedingten Effekts gleichgesetzt werden. Für Radiolog:innen und zuweisende Ärzt:innen ist deshalb entscheidend, die beobachtete Assoziation, mögliche Störfaktoren und die biologisch plausible Strahlenexposition voneinander zu unterscheiden.

Was untersuchte die kanadische Kohortenstudie?

Die Arbeitsgruppe um Camille Simard analysierte populationsbasierte Gesundheitsdaten aus Ontario aus den Jahren 1992 bis 2023. Eingeschlossen wurden 5.142.339 erkannte Schwangerschaften und 3.451.968 Lebendgeburten.

Als Exposition erfassten die Forschenden die kumulative Anzahl von CT-Untersuchungen bis vier Wochen vor der Empfängnis. Primäre Endpunkte waren spontane Schwangerschaftsverluste – definiert als Fehlgeburt, Extrauteringravidität oder Totgeburt – sowie kongenitale Fehlbildungen, die innerhalb des ersten Lebensjahres bei Lebendgeborenen diagnostiziert wurden.

Frauen ohne vorausgegangene CT wurden mit Frauen nach einer, zwei beziehungsweise drei oder mehr CT-Untersuchungen verglichen. Zusätzlich analysierte die Studie die untersuchten Körperregionen. Dieser Teil der Analyse ist für die Interpretation der Ergebnisse besonders wichtig.

Welche Risiken wurden beobachtet?

Mit zunehmender Zahl vorausgegangener CT-Untersuchungen stiegen die beobachteten Ereignisraten beider Endpunkte.

  • Schwangerschaftsverluste: 101 pro 1.000 Schwangerschaften ohne vorausgegangene CT, 117 nach einer CT, 130 nach zwei CT-Untersuchungen und 142 nach drei oder mehr CT-Untersuchungen. Die adjustierten Hazard Ratios betrugen 1,08, 1,14 beziehungsweise 1,19.
  • Kongenitale Fehlbildungen: 62 pro 1.000 Lebendgeburten ohne vorausgegangene CT, 84 nach einer CT, 96 nach zwei und 105 nach drei oder mehr CT-Untersuchungen. Die adjustierten Hazard Ratios lagen bei 1,06, 1,11 beziehungsweise 1,15.

Damit bestand statistisch eine graduelle Beziehung zwischen der Anzahl vorausgegangener CT-Untersuchungen und den untersuchten Endpunkten. Eine solche Beziehung kann ein Hinweis auf einen kausalen Zusammenhang sein, beweist ihn jedoch nicht.

Für die Interpretation entscheidend: Die Studie untersuchte die Anzahl vorausgegangener CT-Untersuchungen, nicht die individuell absorbierte Strahlendosis der Ovarien. Aus „mehr CT-Untersuchungen“ darf deshalb nicht unmittelbar auf eine strahlenbiologische Dosis-Wirkungs-Beziehung geschlossen werden.

Warum Assoziation nicht Kausalität bedeutet

Die Untersuchung ist eine populationsbasierte Beobachtungsstudie. Trotz statistischer Adjustierung können sich die untersuchten Gruppen in Faktoren unterscheiden, die sowohl mit der Wahrscheinlichkeit einer CT-Untersuchung als auch mit späteren Schwangerschaftsergebnissen zusammenhängen.

Tatsächlich waren Diabetes mellitus, arterielle Hypertonie, Adipositas und Rauchen bei Frauen mit vorausgegangener CT häufiger. Hinzu kommen die Erkrankungen und klinischen Situationen, die überhaupt zur Durchführung der CT geführt hatten. Informationen über die zugrunde liegende Indikation waren nicht vollständig verfügbar.

Damit bleibt residuales Confounding eine wesentliche Limitation: Ein Teil der beobachteten Risikoerhöhung könnte durch den Gesundheitszustand und die zugrunde liegenden Erkrankungen der untersuchten Frauen erklärt werden und nicht durch die Strahlenexposition selbst.

Warum die Kopf-CT für die Interpretation besonders wichtig ist

Eine der aufschlussreichsten Analysen betrifft die untersuchte Körperregion. Bei einer CT des Kopfes befinden sich die Ovarien weit ausserhalb des direkten Strahlenfeldes; ihre Strahlenexposition ist entsprechend sehr gering.

Dennoch war das beobachtete Risiko nach Kopf-CT nicht konsistent niedriger als nach CT-Untersuchungen von Abdomen, Becken oder unterer Wirbelsäule. Wäre die Strahlendosis an den Ovarien der wesentliche Mechanismus, wäre grundsätzlich ein Zusammenhang mit der exponierten Körperregion zu erwarten.

Die American Association of Physicists in Medicine (AAPM) hebt genau diesen Befund in ihrer Stellungnahme hervor. Sie interpretiert die Ergebnisse als Hinweis darauf, dass Komorbiditäten und andere Unterschiede zwischen den Patientinnengruppen eine wahrscheinlichere Erklärung für die beobachteten Zusammenhänge darstellen als die ovarielle Strahlendosis.

Radiologische Einordnung: Die Körperregion ist bei der Bewertung strahlenbiologischer Hypothesen wesentlich. Ein vergleichbares epidemiologisches Signal nach Kopf-CT und abdominopelviner CT schwächt eine einfache Erklärung über die direkte Strahlenexposition der Ovarien deutlich ab.

Weitere Limitationen der Studie

Neben dem residualen Confounding gibt es weitere Aspekte, die bei der Übertragung der Ergebnisse auf die heutige radiologische Praxis berücksichtigt werden müssen.

Der Beobachtungszeitraum erstreckte sich von 1992 bis 2023. In diesen mehr als drei Jahrzehnten haben sich CT-Technologie, Dosismodulation, Detektortechnik, Rekonstruktionsverfahren und Untersuchungsprotokolle erheblich verändert. Die Exposition einer Patientin aus den frühen 1990er-Jahren lässt sich daher nicht ohne Weiteres mit einer modernen CT-Untersuchung gleichsetzen.

Zudem bildete die Zahl der CT-Untersuchungen lediglich einen Surrogatparameter für die Strahlenexposition. Individuelle Organdosen wurden nicht bestimmt. Diese können sich abhängig von Körperregion, Scanlänge, Untersuchungsprotokoll, Patientinnenkonstitution und Gerätetechnik erheblich unterscheiden.

Die Studie liefert damit ein epidemiologisches Signal, aber keine individuelle Dosis-Wirkungs-Analyse.

Einordnung durch DRG und DGMP

Die Deutsche Röntgengesellschaft (DRG) und die Deutsche Gesellschaft für Medizinische Physik (DGMP) haben die Publikation gemeinsam fachlich eingeordnet. Zentral ist auch hier die Unterscheidung zwischen statistischer Assoziation und Kausalität.

Die beobachteten Unterschiede rechtfertigen nach dieser Einordnung nicht die Schlussfolgerung, dass CT-Untersuchungen vor der Empfängnis aufgrund ihrer Strahlenexposition Schwangerschaftsverluste oder kongenitale Fehlbildungen verursachen.

Gleichzeitig ändert die Diskussion nichts an den etablierten Grundsätzen des medizinischen Strahlenschutzes: Jede CT benötigt eine medizinische Rechtfertigung, und die Exposition sollte entsprechend der diagnostischen Fragestellung optimiert werden.

Was bedeutet die Studie für die Indikationsstellung?

Aus den Ergebnissen ergibt sich kein Grund, medizinisch notwendige CT-Untersuchungen bei Frauen im gebärfähigen Alter grundsätzlich zu vermeiden oder wegen einer möglichen späteren Schwangerschaft aufzuschieben.

Wie bei allen Patient:innen sollte vor der Untersuchung geprüft werden, ob die CT für die konkrete Fragestellung das geeignete Verfahren ist. Wenn Sonografie oder MRI dieselbe diagnostische Information zuverlässig und rechtzeitig ohne ionisierende Strahlung liefern können, kann ein alternatives Verfahren sinnvoll sein. Diese Entscheidung ergibt sich jedoch bereits aus der regulären rechtfertigenden Indikation und Dosisoptimierung und ist keine neue Konsequenz der Simard-Studie.

Umgekehrt kann der Verzicht auf eine diagnostisch notwendige CT relevante Nachteile haben. Eine unzureichend oder verspätet diagnostizierte Erkrankung darf nicht gegen ein bislang nicht nachgewiesenes zukünftiges reproduktives Strahlenrisiko ausgespielt werden.

Konsequenzen für Aufklärung und Kommunikation

Die Studie kann insbesondere nach Medienberichten zu Verunsicherung bei Patientinnen führen, die vor einer geplanten Schwangerschaft bereits eine CT erhalten haben. Für die Kommunikation ist deshalb eine präzise Formulierung wichtig.

Es ist korrekt zu erklären, dass eine grosse Beobachtungsstudie statistische Zusammenhänge gefunden hat. Ebenso wichtig ist jedoch der Hinweis, dass daraus kein Nachweis eines durch CT-Strahlung verursachten Schadens folgt und dass mehrere Befunde der Studie – insbesondere die Ergebnisse nach Kopf-CT – gegen eine einfache Erklärung über die ovarielle Strahlendosis sprechen.

Eine bereits medizinisch indiziert durchgeführte CT vor der Empfängnis ist aufgrund dieser Studie allein kein Anlass für zusätzliche diagnostische Massnahmen oder eine pauschale Änderung der Familienplanung. Individuelle medizinische Fragen sollten anhand der konkreten Untersuchung und klinischen Situation beurteilt werden.

Was bleibt für die radiologische Praxis?

Die Publikation ist wissenschaftlich relevant, weil sie aufgrund ihrer sehr grossen Population ein statistisches Signal beschreibt, das weiter untersucht werden sollte. Für den Nachweis eines kausalen Strahleneffekts reichen die Daten jedoch nicht aus.

Für Radiolog:innen ergeben sich daraus vor allem drei praktische Konsequenzen: CT-Indikationen weiterhin sorgfältig stellen, Untersuchungsprotokolle konsequent dosisoptimieren und Patientinnen die Ergebnisse der Studie sachlich erklären. Eine zusätzliche generelle Einschränkung medizinisch gerechtfertigter CT-Untersuchungen bei Frauen im gebärfähigen Alter lässt sich aus der Studie nicht ableiten.

Fazit

Die kanadische Kohortenstudie zeigt eine moderate statistische Assoziation zwischen CT vor der Schwangerschaft und späteren Schwangerschaftsverlusten beziehungsweise kongenitalen Fehlbildungen. Sie belegt jedoch keinen kausalen Zusammenhang mit ionisierender Strahlung.

Insbesondere die vergleichbaren Ergebnisse nach Kopf-CT sowie das mögliche residuale Confounding sprechen gegen eine einfache ovarielle Dosis-Wirkungs-Erklärung. Für die radiologische Praxis bleiben daher eine klare Indikationsstellung und konsequente Dosisoptimierung entscheidend. Eine medizinisch notwendige CT sollte aufgrund dieser Studie nicht vorenthalten werden.

Quellen und weiterführende Literatur

  1. Simard C, Fu L, Odugbemi T, Simpson AN, Guan J, Tagalakis V, Delluc A, Ray JG. Exposure to Computed Tomography Before Pregnancy and Risk for Pregnancy Loss and Congenital Anomalies: A Population-Based Cohort Study. Annals of Internal Medicine. 2025;178(11):1539–1548. doi:10.7326/ANNALS-24-03479. PMID: 40921077.
  2. Deutsche Röntgengesellschaft (DRG), Deutsche Gesellschaft für Medizinische Physik (DGMP). Zur aktuellen Diskussion um CT-Untersuchungen bei Frauen im gebärfähigen Alter. RöFo. 2025;197(11):1332. doi:10.1055/a-2690-4785.
  3. American Association of Physicists in Medicine (AAPM). Response to: Exposure to Computed Tomography Before Pregnancy and Risk for Pregnancy Loss and Congenital Anomalies: A Population-Based Cohort Study. 2025.
  4. Deutsche Gesellschaft für Medizinische Physik (DGMP), Deutsche Röntgengesellschaft (DRG). Pränatale Strahlenexposition aus medizinischer Indikation. Dosisermittlung, Folgerungen für die Ärztin/den Arzt und Schwangere. DGMP-Bericht Nr. 7, Neufassung 2019.
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